Szenische Ermüdung im Freudenhaus

14. November 2008, 20:47
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Jubel statt Skandal: Die Premiere von Strawinskis "The Rake's Progress" im Theater an der Wien geriet trotz Harnoncourt am Pult und Kusej als Regisseur allerdings ziemlich langweilig

Wien - Auch die zartest besaiteten Gemüter haben diese Strawinski-Premiere ohne Schaden überstanden. Wer da auch immer den Mund zu voll genommen und die in dieser Oper vorgesehene Bordellszene als ultimatives Bacchanal der Sinnenlust angekündigt hat, ist eigentlich egal.

Nikolaus Harnoncourt, der Martin Kusejs Gestaltung dieser Szene als getreue Milieuschilderung verteidigt hat, darf - was ihn sehr ehrt - jedenfalls bescheinigt werden, dass seine diesbezüglichen Erfahrungen äußerst oberflächlich sind. Was letztlich auch vom Regisseur behauptet werden kann. Denn in jeder urologischen Ambulanz oder bei jeder Musterung bieten sich derlei Einblicke in nacktes männliches Ge(ohn)mächt. Dass selbiges im Falle einer Paarung auch noch im Zeitlupentempo zum Einsatz kommt, treibt die Verfremdung vollends auf die Spitze.

So fad wie im besagten Puff geht es allerdings auch sonst auf der Bühne zu; auch die Wiener Symphoniker entwickeln nicht jenen Biss, jenes Tempo und jene Schärfe, ohne die man Strawinskis klassizistischster aller klassizistischen Partituren nicht gerecht werden kann. Strawinski hat nämlich das Libretto von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman, das etwas unentschlossen zwischen sentimentalem Märchen und harter Ballade schwankt, durch seine sich an barocken Formen orientierende Musik zu klären versucht.

Es geht nämlich um einen jungen Faulpelz namens Tom Rakewell, der mit einem Mädchen namens Ann Trulove liiert ist. Dessen Vater möchte sein Töchterchen allerdings nur einem Mann mit gesichertem Einkommen verheiraten.

Der Teufel als Glückbringer

Da macht sich der Teufel namens Nick Shadow an Tom heran und erfüllt ihm alle seine Wünsche. Im Verlauf der sich überstürzenden Ereignisse vergisst er über der attraktiven Türkenbaba, die er schließlich erwürgt, seine Ann.

Das Problem ist nur, dass sie ihn nicht vergisst und trotz aller Ausschweifungen weiter liebt und erst, als Tom im Irrenhaus landet, schweren Herzens von ihm lässt.

Alle diese Stationen im Leben des Wüstlings werden schon einmal dadurch eingeebnet, dass die Handlung im heutigen Wien spielt, oder, besser gesagt, spielen soll. Was Annette Murschetz nämlich anbietet, ist eine zum Teil nicht unattraktive großflächige Interieurgeometrie, wie sie auch in Dubai oder in Schweden denkbar wäre. Einzig bei Toms scheinbarer Höllenfahrt entwickelt reichlicher, rot gefärbter Rauch ein wenig Abwechslung.

Mit der von Martin Kusej angekündigten Allgegenwart der Medien konnte die dekorative Anonymität auch nicht belebt werden. Diese bestand nämlich in nichts anderem als in mehreren mittelgroßen Bildschirmen mit ablaufenden Videos, auf denen man etwa Karlheinz Böhm in Afrika oder sonstige Prominenz erkennen konnte. Überflüssig zu erwähnen, dass all dieses Augenfutter ohne Ton ablief, sonst hätte es ja die Musik gestört.

Martin Kusejs Hang zu eindrucksvollen Gruppierungen konnte allerdings nicht wettmachen, dass ihm zügige szenische Abläufe, die auch noch mit der Musik korrespondieren, nicht so recht gelingen wollen.

Die Rettung dieser etwas lendenlahmen Produktion erfolgte durch ein wirklich blendendes Ensemble, in dem jeder einzelne stimmlich und darstellerisch zu überzeugen vermochte.

Toby Spence ist ein jugendlicher Tom Rakewell, der mit seinem Tenor Strawinskis klare Notenfaktur sicher nachzeichnete, und Alastair Miles ist ein Bilderbuch-Nick Shadow, der auch für die vier dämonischen Gestalten in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen prädestiniert wäre.

Adriana Kuèerova als Anne Trulove ist jene Gestalt, die in der ganzen Nüchternheit dieser Produktion am stärksten berührt. Und zwar durch die völlig unsentimentale Frische, mit der sie ihre auch musikalisch perfekte Gestalt zeichnet. Anne Sofie von Otter brilliert als Türkenbaba, die nicht wie üblich mit einem Bart, sondern mit einem Penis ausstaffiert ist. (Peter Vujica/DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.11.2008)

 

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anne Sofie von Otter als bizarre Türkenbaba in der Premiere von Strawinskis "The Rake's Progress"
    im Theater an der Wien

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