Das Gemeinwesen als Gleichgewichtsmaschine

14. November 2008, 20:41
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Bert Rebhandl über seine Annäherung an die Theorien des Ökonomen John M. Keynes

Ich bin ein Kind des "deficit spending". Zwar kannten meine Eltern diesen Begriff nicht, als sie mich bekamen, und sie dachten auch nicht in Konjunkturzyklen, als sie die Familie um einen Bruder und zwei Schwestern vergrößerten und ein Haus bauten. Aber sie übten sich doch in einer grundlegenden ökonomischen Tugend, indem sie eine Einschätzung über die Zukunft vornahmen und darüber, wie sich das mit den Schulden und dem Einkommen ausgehen könnte.

Als ich in die Schule kam, gab es noch keinen Schulbus. Eine ganze Gruppe Kinder aus unserem Heimatort ging täglich eine halbe Stunde zu Fuß. Wir waren aber nicht Waldbauernkinder, sondern stammten aus einer Straßensiedlung. Irgendwann erfuhr mein Vater, dass die Regierung Kreisky beschlossen hatte, Kinder mit dem Bus zur Schule zu bringen, wenn sie einen gar zu langen Schulweg hatten. So machte mein Vater sich dafür stark, dass unser Tal in Oberösterreich von einem dichten Schulbusroutennetz überzogen wurde. Wenn das Wetter schön war, fuhren wir mit dem Fahrrad, dann blieb im Bus ein Platz frei, und eine staatliche Subventionsleistung lief ins Leere.

Österreich ging damals gerade aus einer wirtschaftlichen Blüte in eine Krise über (Ölschock!), trotzdem kam ich in den Genuss neuer Staatsausgaben. Das nennt man wohl deficit spending. Seit dieser Zeit bin ich Keynesianer. Die längste Zeit wusste ich das natürlich nicht, denn ich hatte weder die Schriften des Ökonomen John Maynard Keynes gelesen, noch kam sein Name im Lehrplan meiner Volks- und Hauptschule vor. Die Zeit meines Heranwachsens war aber von der ständigen Erweiterung staatlicher Leistungen geprägt, und irgendwann fiel mir bei der Zeitungslektüre auf, dass der Begriff des deficit spending und der Name von Keynes häufig in einem Atemzug fielen. Auch von den "Reaganomics" war die Rede, was das genau war, verlief sich im Zahlenmeer der Atomwaffenarsenale.

Die unerfindlich einfach zu bekommenden Studentenkredite dieser Tage führten dazu, dass ich viele Jahre weder eine zyklische noch eine antizyklische Ausgabenpolitik hatte, sondern eine unzyklische. Ich lebte über meine bescheidenen Verhältnisse und musste - wie der Staat auch - lernen, wann eine Zeit zum Ausgeben und wann eine Zeit zum Haushalten ist. Wie der Staat auch hatte ich damit gewisse Probleme.

Irgendwann wollte ich die Sache mit Keynes genauer wissen. Ich besorgte mir die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Das Buch stammt aus der Zeit, als die Wirtschaftskrise von 1929ff. noch immer nicht vollständig überwunden war. Ich war überrascht, wie wenig darin vom Staat die Rede war. Stattdessen stellt sich Keynes das Gemeinwesen als eine große, allerdings immer wieder aus dem Takt kommende Gleichgewichtsmaschine vor, die über den Zins steuerbar ist. Der Zins aber hängt unmittelbar mit den Erwartungen aller Beteiligten zusammen. Keynes bevorzugt einen eher niedrigen Zinssatz, weil er nicht viel von großen Erwartungen hält.

Heute ist viel davon die Rede, dass Keynes wieder der Ökonom der Stunde ist: Weniger, weil sich mit ihm Konjunkturprogramme rechtfertigen lassen, sondern weil er einen vernünftigen Zeithorizont und mäßige Hoffnungen vertritt. "Die hervorstechende Tatsache ist die äußerste Fragwürdigkeit der Wissensgrundlage, auf der unsere Schätzungen des voraussichtlichen Erträgnisses gemacht werden müssen."

Auf dieser Ebene bin ich wohl auch heute noch Keynesianer. (DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.11.2008)

 

 

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