Kapitale Ängste im Karl-Marx-Hof

14. November 2008, 20:03
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Es prallen Welten aufeinander, wenn zwei Generationen über Geld sprechen - Sorgen, wie sich die Finanzkrise auswirken wird, haben im größten Wiener Sozialbau aber beide

Wien - Sparen, das hat Piroska Focht früh gelernt. Noch reicht ihre "kleine Pension" für ihren jüngsten Sohn und sich selbst, für ein Leben, das sich zwischen einer Drei-Zimmer-Wohnung im Karl-Marx Hof und einem kleinen Haus in Ungarn abspielt. Seit den 80er-Jahren wohnt die gebürtige Ungarin in der Gemeindewohnung in Döbling, und auch wenn sie manchmal gern die massiven Qualitätsmöbel gegen neue, helle auswechseln würde - sie ist stolz auf ihr Zuhause.

Doch Focht lebt nicht nur im Heute, ihre Vorfreude auf die Früchte der jahrelangen Genügsamkeit versüßen ihren Alltag. Neben einem Bausparvertrag legte die ehemalige Laborantin einen bedeutenden Teil ihres Gehalts für eine Lebensversicherung zur Seite.

Genügsam aus Gewohnheit

Frau Focht, die heute, am 15. November ihren 55. Geburtstag feiert, würde die zehntausenden Euro "irgendwann" gerne in Händen halten. Und dann? "Ich würde sicher nicht sofort was ausgeben", sagt sie und beginnt zu schwärmen: "Das könnt ich machen oder das, oder das. Ich würde das Geld oft umdrehen, und dann? Ich weiß nicht."

Jahrelang hat sie sich in Genügsamkeit geübt, sie, die "noch auf Lehmboden mit Petroleumlampe" als eines von sieben Kindern geboren wurde. "Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Wir wussten, Haustiere sind zum Essen da. Es gab keine Geschäfte. Was man anbauen konnte, hat man gegessen." Bis vor kurzem arbeitete sie in einem Spitalslabor, aus gesundheitlichen Gründen musste sie dies aufgeben. Ihr Sohn Robert (20) ist in einer anderen Welt groß geworden.

Focht versteht seine Generation nicht. "Wenn man will, kann man sparen. Aber die heutige Jugend will nicht." Zu sehen, wie ihr jüngster Sohn, ein Maurer, sein Monatsgehalt in einen Plasmafernseher pulvert und sie unmittelbar danach um "Geld zum Tanken" bittet, tut ihr weh. "Das Geld brennt in seinem Hosensack."

Ihre Schwiegertochter in spe, Jennifer Kolar, ist wie Robert in den Höfen des weitläufigsten Gemeindebaus Wiens groß geworden. Hier wird das junge Paar demnächst in eine der 1272 Wohnungen ziehen. "Manchmal glaube ich, den Block werde ich nie verlassen", sagt die 19-Jährige mit einem zurückhaltenden Lächeln.

956 Euro verdient sie - für eine Vierzig-Stunden-Woche hinter der Wurst- und Fleischtheke eines Supermarkts. Ihr Gehalt verpufft für Miete, Essen und Lebenskosten. Manchmal, wenn ihr Konto lang vor Monatsende leer ist, "gehe ich zu Oma essen, das spart auch". Fischstäbchen und Brot sind teilweise doppelt so teuer geworden, beklagt sie die hohen Lebensmittelkosten. Sekundenschnell zählt sie dann die Unterschiede im CentBereich zwischen Discountern auf, doch ihre Schwiegermutter unterbricht sie. "Bei Pflegeprodukten" sei sie ja nicht ganz so sparsam. Kolar verteidigt sich, schlechte Qualität kaufe sie da eben nicht.

Kein Sparen im 1000-Euro-Job

"Nicht einmal genug zum Überleben" habe ihr Schwiegertochter, meint Piroska Focht versöhnlich, zum Sparen bleibe da nichts. "Ich könnte vielleicht zwei Euro pro Monat beiseite legen", scherzt Kolar. Sie bildet sich weiter, Abteilungsleiterin zu sein ist ihr Traum.

Focht springt für ihre Kinder ein, sie ist für Ernstfälle gerüstet. Doch die Finanzkrise hat sie im Hinterkopf, und in ihr kommt immer wieder ein Gedanke auf, den sie verärgert schnell beiseite schiebt.

Könnte das jahrelange Sparen vergeblich gewesen sein? Selbst wenn, beruhigt sie sich dann, es bliebe ihr zumindest die Pension zum Überleben. "Wenn die ausfällt, dann sehe ich schwarz." Sie bricht in zynisches Gelächter aus: "Dann besorge ich mir was, hänge mich auf und gehe zu meinem Mann ins Grab." (Louise Beltzung/Tanja Traxler, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. November 2008)

  • Zwei Bewohnerinnen des Karl-Marx Hofs: Jennifer Kolar (li.) und Piroska Focht müssen genau auf ihre Ausgaben achten.
    foto: standard/andy urban

    Zwei Bewohnerinnen des Karl-Marx Hofs: Jennifer Kolar (li.) und Piroska Focht müssen genau auf ihre Ausgaben achten.

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