Regionaler Abwehrschild gegen globale Krise

14. November 2008, 19:48
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Mit Alternativenergie will der steirische Bezirk Weiz bis 2020 weitgehend energieautonom werden

Weiz - Weltweit schnüren Regierungen Milliardenrettungspakete, um die Wucht der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise in ihren Ländern abzufedern. Was aber passiert auf kleinsten, regionaler Ebene? Wie wirkt sich die globale Krise im Dorf, in der Gemeinde aus? Ist man hier den Krisen ohnmächtig ausgeliefert?

"Nein, wir haben längst eine Gegenbewegung von der Basis gestartet. Wir wollen dieses globale Problem nicht der Elite, den Managern und Politikern überlassen. Diese gravierende Krise betrifft jeden, also kann jeder was dagegen tun ", sagt Fery Berger, Kopf der Weizer Solidarregion, die seit zwei Jahren versucht, im oststeirischen "Apfel-Bezirk" Weiz regionale Gegenkonzepte zur Globalisierung zu entwickeln und zu leben.

Die oststeirische, 80.000 Einwohner zählende "Solidarregion" hat sich in den letzten Jahren tatsächlich bereits zur Institution konstituiert. Berger: "Der wichtigste Punkt unserer Bewegung ist: Keiner darf in der Region unter die Räder kommen. Wir haben deshalb auch eine Vielzahl an Sozialprojekten entwickelt, die neue Jobs entstehen ließen und Bedürftigen halfen. Ein Beispiel: Entlastung bei Demenz. Freiwillige Helfer werden ausgebildet, um Angehörigen bei der Pflege ihrer Familienmitglieder zu helfen. Oder: Wir wollen ein Haus für alte Menschen, in denen Kinder und Pensionisten zusammen betreut werden können."

Zudem entwickelten Banken des Bezirkes einen "Solidarkredit" und ein "Solidarsparbuch." Damit soll Unternehmen im Bezirk ein Kredit ohne Bankenspanne gewährt werden, wenn damit Arbeitsplätze für Arbeitslose ab 50 geschaffen werden. Dazu wurde auch ein Sparbuch aufgelegt, mit dem Sparer dieses Projekt unterstützen können. Eine eigene Arbeitsgruppe koordiniert in der ganzen Region Bauern und Geschäfte, um den Konsum lokaler Produkte anzukurbeln. Ein "Solidarsiegel" soll diese Produkte für die Konsumenten schneller sichtbar und erkennbar machen. Eine weitere zentrale Zukunftsperspektive: Bis 2020 soll die Region weitgehend energieautonom werden. 50 Prozent der Energiegewinnung soll mit erneuerbaren Energieträgern, Biogas- und Solaranlagen, Wind- oder Wasserkraftwerken, organisiert werden. Das Fernziel, sagt Fery Berger "muss auch für den Bezirk Weiz der hundertprozentige Umstieg auf Alternativenergie sein."

Die Projekte beginnen zu greifen, sagt Berger, sie könnten durchaus dazu beigetragen haben, dass der Bezirk die geringste Arbeitslosenrate in der Steiermark habe. Was sich aber im Lichte der Krise in der Autoindustrie rasch ändern könnte, denn im automotiven Sektor sind direkt 3000 Arbeitnehmer beschäftigt, weitere 3000 "hängen dran". Um hier vorzubauen, wird der Solidarkredit nun auf alle Arbeitslosen ausgedehnt, ein zusätzliches Bankinstitut hat sich jetzt der Initiative angeschlossen.

Vor einigen Tagen traf sich der harte Kern der Solidarregion - Unternehmern, Bankdirektoren, Politiker, Beamte und Konsumenten - und formulierte ein Manifest, in dem sie sich auch zu sehr persönlichen Verhaltenänderungen verpflichten: "Wir wollen Produkte vornehmlich aus der Region kaufen, den Energiebedarf reduzieren. Wir sind bereit, auf alternative Heizformen wie Solarenergie umzusteigen. Wir werden zu Fuß gehen, Elektrofahrräder verwenden und Fahrgemeinschaften bilden." (Walter Müller, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. November 2008)

  • "Solidarregion Weiz" entwickelt lokale Projekte gegen die weltweite Rezession.
    foto: david

    "Solidarregion Weiz" entwickelt lokale Projekte gegen die weltweite Rezession.

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