"Landwirtschaft global reformieren"

14. November 2008, 19:32
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Vandana Shiva will die Welt mit kleinen Bio-Bauern besser und billiger versorgen - Die Slow-Food- und Menschenrechtsaktivistin im STANDARD -Gespräch

STANDARD: Sie sind Vizepräsidentin des Gourmetclubs Slow Food und Aktivistin für die Bauern der Dritten Welt. Wie geht das zusammen?

Shiva: Gar nicht - wenn Slow Food nicht längst viel weiter wäre. Mit Initiativen wie Terra Madre (einem Netzwerk nachhaltig produzierender Bauern, Verbraucher und Wissenschafter, Anm.) hat Slow Food Themen wie die Solidarität der Bauern in der Auseinandersetzung mit den Saatgutkonzernen, den Kampf für die Erhaltung der Biodiversität als zentral erkannt. Dafür stehe ich seit Jahren. Dasselbe gilt für ökologische Landwirtschaft. Deshalb ist nicht jedes Slow-Food-Mitglied ein Bauernrebell - aber die Bauern sind längst ein ebenso wichtiger Bestandteil von Slow Food. Es kann kein gutes Essen geben, weder für Gourmets noch für die Armen, wenn wir die Produktion nicht so umstellen, dass wir generell nur noch erstklassige Lebensmittel machen, und zwar für alle.

STANDARD: Mitten in der Krise? Lebensmittel abseits industrieller Produktion sollen reichen, um sechs Milliarden gut zu ernähren?

Shiva: Es ist ja nicht annähernd so, dass die industrielle Landwirtschaft die Welt gut ernährt. Laut UNO werden 2009 eine Milliarde Menschen hungern. Zwei weitere Milliarden sterben an Ernährungskrankheiten wie Fettleibigkeit. Offenbar wird die Hälfte der Welt gar nicht gut ernährt.

STANDARD: Welche Konsequenzen hat die Krise auf die Ärmsten?

Shiva: Für jene, die noch über Land verfügen, durchaus positive. Die Krise kann den Übergang zu einer Landwirtschaft mit geringem externem Input beschleunigen, die mit weniger zugekauftem Saatgut und Dünger auskommt, also mit entscheidend weniger Subventionen, weniger Krediten und - weniger Schulden. Die sind es ja, die die Kleinfarmer in den Ruin, in die Hände der Industrie treiben. Indien allein hat heuer 1 Billion Rupien (15,6 Mrd. Euro, Anm.) an Subventionen für chemische Düngemittel investiert - so teuer ist konventionelle Landwirtschaft. Hoffentlich wird diese Form des Wirtschaftens zu teuer, damit die Bauern zu einer Landwirtschaft zurückfinden, die mit internem Input arbeitet. Die Fruchtbarkeit wird nachhaltig nur durch Dünger gefördert, der auf der Farm selbst produziert wird, mit Kompost und Dung. Dasselbe gilt für Schädlingsbekämpfung durch Biodiversität.

STANDARD: Je weniger Hilfe von außen, desto besser für eine effektiv produzierende Landwirtschaft?

Shiva: Davon bin ich überzeugt - unter der Voraussetzung, statt Monokultur wieder bäuerliche Strukturen zu fördern. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass große Bauernhöfe mehr produzieren als kleine. Die UNO hat genau das Gegenteil festgestellt. Je kleiner die Farm, desto größer der Output: Tiere und Pflanzen sind Lebewesen, die auf Zuwendung und Ansprache reagieren, nicht nur auf Vertilgungsmittel und Folter. Was man die Intensivierung der Landwirtschaft nennt, ist in Wahrheit nur die Intensivierung des Chemieeinsatzes - bei biologischer Verarmung. Wo früher 20 Nutzpflanzen in Symbiose wuchsen, wächst heute nur noch eine, und die laugt den Boden aus. Wir können die Produktivität verfünffachen, wenn wir Sonne und Boden wieder etwas zu wachsen geben.

STANDARD: Hoffen Sie da auf Barack Obama?

Shiva: Jetzt werden Leute mit Erfahrung im Erstellen von nachhaltigen und gerechteren Modellen für die Landwirtschaft zumindest einen Termin im Weißen Haus bekommen - unter Bush hatte ja nur das Agrobusiness Zugang zum Präsidenten. Dadurch, dass Obama selbst Erfahrung mit gemeinnütziger Arbeit hat, werden jene, die etwa die Bio-Bewegung in Amerika ins Leben gerufen haben, natürlich leichter Zugang bekommen als bisher. Deshalb stehen die Chancen ganz gut, dass die Stimme der amerikanischen Landwirtschaft in der Welt zum ersten Mal nicht nur jene des Agrobusiness sein wird. (Severin Corti, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. November 2008)

Zur Person
Vandana Shiva (57) ist Nuklear- Physikerin, Umweltschützerin, Menschenrechtsaktivistin und Vize-Präsidentin von Slow Food. Sie ist Trägerin des alternativen Nobelpreises, gilt als Leitfigur der Globalisierungskritik und war als Gast von www.iufe.at in Wien.

  • "Die Krise birgt die Chance, eine alternative Landwirtschaft ohne
Subventionen für das Agrobusiness zu fördern", sagt Shiva, die für die
Bauern der Dritten Welt - und für höhere Lebensmittelqualität kämpft.
    foto: standard/heribert corn

    "Die Krise birgt die Chance, eine alternative Landwirtschaft ohne Subventionen für das Agrobusiness zu fördern", sagt Shiva, die für die Bauern der Dritten Welt - und für höhere Lebensmittelqualität kämpft.

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