Monopoly

14. November 2008, 19:18
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Als wir größer waren, spielten wir mit richtigen Regeln: Nach einer halben Stunde hatte einer alles - und alle anderen nichts mehr

Lange Zeit hatten wir Monopoly falsch gespielt. Da konnte man nur Straßen kaufen. Häuser und Hotels ignorierten wir, das war uns zu kompliziert. Jeder besaß bald irgendwas. Die einen hatten mehr Bargeld, die anderen größere Wertanlagen. Nach ein, zwei Stunden brachen wir das Spiel ab - ohne zu wissen, wer eigentlich gewonnen hatte. Aber spannend war es.

Als wir größer waren, spielten wir mit richtigen Regeln. Wer (nach geschicktem Handeln) alle Straßen einer Stadt besaß, konnte Häuser und danach Hotels errichten und wahnwitzige Mieten verlangen. Dreimal in die großen Hotels hineinzufallen bedeutete den Bankrott. War man zahlungsunfähig, opferte man seinen letzten Besitz. Nach einer halben Stunde hatte einer alles - und alle anderen nichts mehr. Die Verlierer waren frustriert. Der Sieger ärgerte sich, weil er so rasch gewonnen hatte, ohne seinen Reichtum ausgekostet zu haben. Sein Geld konnte er sich nämlich in die Haare schmieren, weil es nichts mehr zu kaufen gab. Nachher verstanden wir nicht, warum wir dieses doofe Spiel spielten, bei dem es nur um Geld ging, wie an der Börse. Am Ende war alles wertlos, und jeder hasste jeden. (Daniel Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. November 2008)

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