"Besitz kann auch zur Sünde werden"

14. November 2008, 19:07
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Propst Maximilian Fürnsinn im STANDARD-Interview über Gier und Gewinnstreben und die Ökonomisierung der Gesellschaft

Reichtum könne Menschen "verbiegen", mahnt Propst Maximilian Fürnsinn. Mit Peter Mayr sprach er über die Finanzkrise, Gier und Gewinnstreben, das Versagen der Politik, und die Ökonomisierung der Gesellschaft.

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Standard: In der Bibel heißt es, es gehe eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Steckt hinter jedem Reichtum Sünde?

Fürnsinn: Glaube ich nicht. Die Bibel ist weder besitz- noch wirtschaftsfeindlich. Allerdings wissen wir, dass Reichtum Menschen verbiegen kann. Besitz kann schon auch zur Sünde werden. Nicht nur im Persönlichen, sondern auch strukturell gesehen.

Standard: Was verstehen Sie unter einer"strukturellen Sünde"?

Fürnsinn: Das, was mit den Finanzmärkten geschieht oder geschehen ist. Diese Finanzindustrie, die nur auf die Vermehrung des Kapitals aus ist. Das ist strukturelle Sünde. Es hat sich ein System entwickelt, das zum Schaden vieler geworden ist. Da ist etwas pervertiert.

Standard: Wo sehen Sie die Grenze zwischen Gier und Gewinnstreben?

Fürnsinn: Schwierig. Ich nenne drei Prinzipien, an denen man das festmachen kann. Erstens: Wirtschaften muss sachgerecht sein. Entscheidend ist, ob man nur rein auf Gewinnoptimierung aus ist oder nicht. Rote Zahlen zu schreiben ist unmoralisch. Denn dadurch gefährde ich einen ganzen Betrieb. Das Zweite ist, dass Besitz auch auf ein gewisses Gemeinwohl ausgerichtet sein muss. Und als letzter Punkt: Der Mensch muss im Zentrum stehen.

Standard: Wurden diese Grenzen gezogen?

Fürnsinn: Es ist zu einer unheilvollen Ökonomisierung unserer Gesellschaft gekommen. Der Markt und die Wirtschaft dürfen aber nicht das einzige maßgebliche Prinzip der Gestaltung unserer Gesellschaft sein. Das halte ich für einen Irrweg. Ich sehe ein Versagen der Politik auf allen Ebenen - und das seit Jahrzehnten. Jetzt reden Politiker vom Grenzensetzen. Bisher haben sie dazu geschwiegen. Sie waren Opfer des Lobbyismus.

Standard: Viele Menschen haben spekuliert und gehören jetzt zu den Verlierern. Sind die selbst schuld?

Fürnsinn: Das ist nicht moralisch zu bewerten. Dort, wo es schnell viel Geld gibt, da ist das Risiko größer. Das sagt einem doch der Hausverstand.

Standard: Als Leiter des Stifts Herzogenburg verwalten Sie ein Millionenbudget. Besitzt Ihr Stift Aktien?

Fürnsinn: Wir haben alles konservativ angelegt, also keine rapiden Aktien. Direkte Aktienspekulationen gibt es nicht - dazu fehlt das Geld.

Standard: Österreichs Kirche ist reich, ihr gehören Wälder, Immobilien etc. Ein Widerspruch?

Fürnsinn: Nein. Wenn Sie von Besitz reden, müssen Sie auch von Verantwortung reden. Die Kirche Österreichs finanziert sich durch den Kirchenbeitrag. Es ist aber richtig, dass Klöster einen erklecklichen Besitz haben. Unser Stift besitzt Wälder, Äcker, es gibt die Tourismusschiene. Aber: Wir haben auch die Pflicht zur Erhaltung, wir renovieren derzeit das Stift, es gibt 14 Pfarreien und den Konvent.

Standard: In den Regeln des Augustinus steht: "Bei euch darf von persönlichem Eigentum keine Rede sein, sorgt im Gegenteil dafür, dass es euch allen gemeinsam gehört." Das hört sich aber eigentlich recht antikapitalistisch an.

Fürnsinn: Ist es auch. Aber ich habe kein Problem mit Leuten, die Geld haben. Das ist noch kein Kapitalismus. In Österreich haben wir immer von der ökosozialen Marktwirtschaft geredet. Einen Kapitalismus ohne öko und sozial wünsche ich mir bei Gott nicht. Ökosoziale Marktwirtschaft ist ja eigentlich auch kapitalismuskritisch.

Standard: Wenn Sie die Sorgen der Leute in Europa und den USA hören, klingen die nicht ein wenig zynisch angesichts der Probleme in Ländern Afrikas zum Beispiel?

Fürnsinn: Fahren Sie nach Rumänien und schauen Sie sich dort um! Bei uns ist arm ein relativer Begriff. Man muss aber schon schauen, wer jetzt zu den Verlierern zählt: Menschen, die sich die Kredite für ihr Haus nicht leisten können oder die ihre Altersvorsorge verloren haben. Die Politik könnte schon mehr nachdenken und nicht nur Banken retten. Ich hätte lieber den Häuselbauern direkt geholfen. Oder den Klein- und Mittelbetrieben.

Standard: Glauben Sie, dass sich die Menschen durch die Finanzkrise ändern werden?

Fürnsinn: Viele Menschen beginnen nun, sich etwas einzuschränken. Das ist spürbar. Man lernt heute aber prinzipiell immer weniger, Grenzen anzunehmen. Da wird es schwierig, das rechte Maß zu finden. Augustinus sagt: Jeder soll das bekommen, was er braucht. Nicht jeder das gleiche, nicht jeder alles.

Standard: Hand aufs Herz: Sind Sie eigentlich auch manchmal gierig?

Fürnsinn: Ich bin nicht der größte Altruist, aber ich lebe in einer Gemeinschaft. Und so etwas formt. Man lernt in einem Kloster, sein Anspruchsdenken zu relativieren. (DER STANDARD Printausgabe, 15./16. November 2008)

Zur Person

Maximilian Fürnsinn wurde am 5. Mai 1940 in Herzogenburg geboren. Er kommt aus einer Fleischhauerfamilie und absolvierte auch die Lehre. Seit 1979 ist er Propst des Stiftes Herzogenburg. Seit 1998 ist er Vorsitzender der Superiorenkonferenz, dem Zusammenschluss aller Männerorden.

  • Maximilian Fürnsinn über den "Reichtum" seines Stifts Herzogenburg:
"Wenn Sie von Besitz reden, müssen Sie auch von Verantwortung reden."
    foto: standard/fischer

    Maximilian Fürnsinn über den "Reichtum" seines Stifts Herzogenburg: "Wenn Sie von Besitz reden, müssen Sie auch von Verantwortung reden."

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