Schwieriges Dasein ohne Konto

14. November 2008, 19:03
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Caritas-Direktor Landau will Banken bei Kontovergabe in die Pflicht nehmen

Wien - "Zuerst ist alles super gelaufen", sagt Milovan P., "aber dann konnten immer mehr Leute nicht bezahlen." Sechs Jahre lang war der 41-Jährige Chef seiner eigenen Catering-Firma und richtete Hochzeiten und Geburtstagsfeste im Familien- und Bekanntenkreis aus. "Bei uns ist es üblich, dass erst nach der Feier bezahlt wird", sagt der in Jugoslawien Geborene, der seit 36 Jahren in Österreich lebt. "Das war sehr ungünstig für mein Geschäft."

Am Ende beliefen sich seine Schulden auf 140.000 Euro - und P. musste Privatkonkurs anmelden. "Ich habe gleich wieder einen Job bei einer Catering-Firma gefunden und zahlte brav meine Raten ab. Aber keine Bank wollte mir ein Konto geben." Hätte die Caritas ihn nicht an die "Zweite Sparkasse" vermittelt, wäre er "völlig aufgeschmissen" gewesen, sagt P. "Ich hätte den Job wieder verloren, weil mein Chef nicht einsah, warum er mir den Lohn jeden Monat bar auszahlen soll."

Rund 50.000 Menschen sind nach einer Schätzung der Schuldnerberatung in Österreich unfreiwillig kontolos - Tendenz steigend. "Diese Menschen geraten in eine Armutsspirale, aus der sie sehr schwer wieder herauskommen", sagt Caritas-Direktor Michael Landau zum Standard, "ohne Konto keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Konto."

Landau fordert deshalb eine gesetzliche Regelung, die jedem Bürger einen Rechtsanspruch auf ein Haben-Konto gewährt. "Gerade jetzt, wo der Staat einen Schutzschirm über sämtliche Banken spannt, ist der richtige Zeitpunkt, von den Banken im Gegenzug zu verlangen, ihre soziale Verantwortung ernstzunehmen", sagt Landau. In anderen Ländern, wie etwa Belgien oder Kanada, seien Banken längst verpflichtet, jedem Bürger, der eines haben will, ein Girokonto zur Verfügung zu stellen.

In Wien betreuen seit gut zwei Jahren Erste-Bank-Mitarbeiter auf Vermittlung sozialer Einrichtungen in der "Zweiten Sparkasse" ehrenamtlich Kundschaft, die in einem herkömmlichen Geldinstitut keine Chance mehr auf ein Konto hat. Mittlerweile gibt es auch in Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt und Graz Filialen, insgesamt betreut die "Zweite" derzeit rund 3000 Konten.

"Das ist ein sehr wichtiges Pilotprojekt", sagt Martin Litschauer, Leiter der Sozialberatung der Wiener Caritas. "Aber es kann den Bedarf nicht vollständig abdecken. Denn momentan bekommt allein unsere Stelle täglich vier bis fünf Anfragen bezüglich einer Kontoeröffnung."

Dementsprechend lang ist die Wartezeit für ein Betreuungsgespräch bei der "Zweiten" - sie beträgt mitunter bis zu sechs Monate. "Vom Goodwill einer Bank abhängig zu sein hat für viele unserer Klienten weitreichende Folgen", sagt Litschauer. "So bekommt man beispielsweise keine Zuschüsse der Wiener Jugendämter, wenn man kein Konto hat."

Außerdem sei die Kontolosigkeit eines Mitarbeiters für viele Arbeitgeber ein Kündigungsgrund. "Wodurch sich die ohnehin prekäre finanzielle Situation dieser Menschen noch verschärft." Ein Konto zu haben sei längst keine reine Privatsache mehr. "Das ist inzwischen gesellschaftliche Norm."

Einen Teil der privaten Schuldenberge hätten die Banken außerdem selbst mitzuverantworten. "Einerseits durch die offensive Kreditvergabe, ohne sich über die finanzielle Situation der Leute zu informieren, andererseits durch den Umstand, dass Leute als Bürgen zugelassen werden, die dafür nicht geeignet sind." (Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. November 2008)

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