Von Asset-backed Securities zur Zitterpartie

14. November 2008, 19:04
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Die Kreditkrise hat viele neue Ausdrücke in den allgemeinen Sprachgebrauch gehievt. Welche Begriffe seither unseren Sprachschatz bereichern - die Finanzkrise von A bis Z

A sset-backed Securities: ABS sind verbriefte Schuldverschreibungen, die in ein Wertpapier umgewandelt wurden, das einen festen Zins bezahlt. Damit werden Kredite, von Studenten- bis Wohnbaukrediten, liquide - also handelbar - gemacht. Banken, die diese Kredite sonst in ihren Büchern haben, versuchen so zu mehr Liquidität wie etwa Cash zu kommen. Je nach Kreditart werden die Produkte anders bezeichnet. Verbrieft werden die Kredite meist von Zweckgesellschaften von Banken, sogenannten Special Purpose Vehicles. Auch CDOs, sogenannte Collateralized Debt Obligations, sind ähnlich strukturiert. Collateral ist das englische Wort für Besicherung. Diese Produkte bestehen aus gepoolten Krediten, Hypotheken und anderen Schuldenformen.

B ilanzieren: Damit die Banken ihre "Problemwertpapiere", für die es derzeit (aber erhoffterweise nicht auf ewig) sehr schlechte Preise gibt, nicht völlig abschreiben müssen, wurden die Bilan- zierungsregeln rückwirkend mit 1. Juli gelockert. Statt mit Marktwert können die Papiere mit ihrer langfristigen Einbringlichkeit bewertet werden.

C learingstelle: Weil die Banken einander aus Misstrauen kein Geld (Liquidität) mehr zur Verfügung stellen, müssen Clearingstellen, für deren Ausleihungen der Staat haftet, einspringen. In Österreich tut das die Clearingbank (OeCAG), die im Eigentum der Großbanken steht. Diesen Montag gibt es einen Testlauf, ab Mittwoch wird echt gehandelt.

D erivate: Ein Derivat ist ein Produkt, dessen Preisentwicklung von anderen Produkten abhängt. Basiswerte zur Preisentwicklung können Wertpapiere, Zinssätze, Indizes oder andere Handelsgegenstände wie etwa Rohstoffe oder Devisen sein. Zu derivativen Produkten gehören etwa Swaps oder Futures.

E uribor ist der Zwischenbanken-Zinssatz für Termingelder in Euro (Euro Interbank Of- fered Rate). Für seine Berechnung übermitteln die derzeit 57 Euribor- Panel-Banken ihre Konditionen für Interbankenkredite an den Bildschirmdienst Bridge Telerate, der die Durchschnittszinsraten für unterschiedliche Laufzeiten errechnet und weltweit veröffentlicht.

F oreclosure: Gerichtlich angeordnete Versteigerung eines Hauses in den USA, wenn der Besitzer die Raten der Hypothek (Mortgage) nicht mehr zahlen kann. Die Anzahl stieg 2007 um fast 80 Prozent an.

G eldmarkt: Die Blutbahn des Finanzkapitalismus ist der Geldmarkt. Das Geld auf diesen Märkten wird sehr kurzfristig, maximal auf zwölf Monate, verliehen. Auf diesem Markt sind besonders Banken und Notenbanken aktiv. Besonderes Augenmerk bekam in den vergangenen Monaten der Interbankenmarkt. Dort handeln nur Banken untereinander und verleihen einander Geld zur Refinanzierung, etwa von Krediten. Doch der Geldmarkt kam zum Erliegen, da die Banken das Vertrauen in ihre Konkurrenten verloren hatten. Das führte zu hohen Refinanzierungskosten für viele Institute.

H edgefonds: "To hedge" heißt "absichern". Der Name ist irreführend, denn die Absicherung gegen Marktschwankungen (durch "Gegenwetten") wird vom Spekulieren mit Fremdkapital (siehe: Leverage) auf Derivatenmärkten überdeckt. Viele Fonds haben ihren Sitz in Steuerparadiesen. Das weltweit veranlagte Kapital erreichte 2007 eine Spitze von 2700 Mrd. Dollar.

I nvestmentbanken betreiben kein Retailgeschäft. Sie unterstützen Kapitalnehmer bei der Suche nach Kapitalgebern und übernehmen durch ihre Beratung beim Erwerb und Verkauf von Unternehmensbeteiligungen Vermittlungsleistungen. Durch die Finanzkrise wurde in den USA der Status der reinen Investmentbank aufgehoben.

J unk Bonds: Auch Schrottanleihen; sind Anleihen von Emit tenten mit schlechten Bonitätsratings. Als Abgeltung für das höhere Risiko haben die Papiere überdurchschnittlich hohe Kupons.

K reditklemme: Wenn Banken die Regeln für die Kreditvergabe verschärfen, blitzen Betriebe, die über eine schwächere Bonität und wenig Sicherheiten verfügen, mit ihrem Wunsch nach Fremdkapital ab. Auslöser ist die schlechte Finanzsituation der Banken, wenn sie sich etwa im Interbankenhandel nicht mehr mit ausreichend Liquidität versorgen können. Folge: Die Kreditvergabe wird gedrosselt.

L everage: Bedeutet Hebel und bezeichnet die Aufnahme von Fremdkapital, um die Rendite auf das Eigenkapital zu erhöhen, also zu hebeln. Je höher das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital ist, desto gehebelter ist das Unternehmen. Solange die Rendite der mit Fremdkapital unterlegten Projekte höher ist als die Kreditzinsen, die für das Fremdkapital bezahlt werden, macht das Unternehmen auf diese Art mehr Gewinn, als rein mit dem Eigenkapital möglich wäre.

M ark to market ist eine Bilanzierungsregel, die verlangt, dass in die Gewinn- und Verlustbestimmung der börsentägliche Marktpreis von Portfolio-Positionen einfließt. Damit beeinflussen Buchgewinne- und verluste den ausgewiesenen Gewinn von Unternehmen. Durch den massiven Wertverlust von Wertpapieren führt diese Regel derzeit zu Bilanzierungsproblemen, weshalb sie teilweise ausgesetzt wird. Wirtschaftsprüfer warnen aber vor diesen Ausnahmen.

N otenbanken haben in der aktuellen Finanzkrise durch das Bereitstellen von zusätzlichem Geld (Liquidität) versucht, die Krise am Interbankenmarkt abzufedern, da die Banken einander kein Geld mehr leihen wollten, aus Angst, sie könnten es nicht mehr zurückbekommen.

O ver-the-counter: Viele spezielle Kreditderivate (siehe Derivate) wurden nicht über eine Börse oder eine Clearingstelle gehandelt, sondern OTC - over-the-counter, also außerbörslich zwischen Finanzmarktteilnehmern. Zwei Finanzinstitute handeln z. B. "über den Ladentisch" Derivate. Das Problem: Da diese Käufe und Verkäufe nirgends dokumentiert waren, haben viele Anleger Angst bekommen, dass die eine oder andere Bank besonders verlustreiche OTC-Geschäfte in ihren Bilanzen stehen hat.

P enny Stocks sind Aktien, deren Kurs unter einer Einheit der Landeswährung liegt bzw. in den USA unter fünf Dollar. In den USA werden Penny Stocks meist over-the-counter (siehe oben) gehandelt. Sie unterliegen dann nicht den an Börsen üblichen Finanzberichterstattungspflichten und sind damit hochriskante Wertpapiere mit hoher Volatilität. An der Wiener Börse notieren derzeit so viele Penny Stocks - Aktien mit Kursen unter einem Euro - wie nie zuvor.

Q uants: Computer sind ein immer wichtigerer Teil des globalen Finanzsystems. Kein Wunder, dass die Finanzindustrie der größte Abnehmer der IT-Branche ist. Quants sind dabei Computer, die etwa vollautomatisch Kauf- und Verkauforders abgeben oder mit vordefinierten Modellen Wertpapiere bewerten und aussuchen.

R atingagenturen haben in der Finanzkrise keine gute Figur gemacht. Sie bewerteten gebündelte Wertpapiere, die auf Ramsch- hypotheken basieren (siehe Asset-backed securities), mit Top-Noten und ermöglichten so den weltweiten "Vertrieb" dieser Risiken. Nun werden Standard & Poors, Moody's & Co an die Kandare genommen.

S ubprime: Der Begriff steht für Hypothekenkredite, die am US-Markt an Leute mit geringer Kreditwürdigkeit vergeben wurden und daher schlecht bis kaum besichert sind. Diese Darlehen wurden von Kreditgebern in hoch-komplexen Finanzpakete (siehe ABS) gebündelt und weiterverkauft. Der Crash des Marktes löste die derzeitige Krise aus.

T ier 1: Diese Kernkapitalquote (Summe aus einbezahltem Kapital und einbehaltenen Gewinnen; danach richtet sich etwa die Höhe der Kredite, die vergeben werden dürfen) muss laut Gesetz bei österreichischen Banken derzeit bei vier Prozent liegen. In der Krise reicht das nicht, weltweit stocken die Banken mit Kapitalerhöhungen (und Staatshilfe) derzeit auf um die neun, zehn Prozent auf.

U nterkapitalisierung: Zu wenig Eigenkapital, das durch Krisen hilft. Derzeit brennendstes Problem der Banken (siehe auch Tier 1). Soll durch Staatsbeihilfen behoben werden.

V olatilität: Seit Ausbruch der Krise wundert man sich über die Schwankungen an den Märkten. Selbst die Aktienkurse von Schwergewichten wie IBM rasseln einen Tag um zweistellige Prozentpunkte nach unten und rasen am nächsten Tag wieder nach oben. Derzeit ist die Volatilität so hoch wie nie zuvor.

W ertberichtigung: Bei allen Aktiven ist zu jedem Bilanzstichtag zu prüfen, ob der Buchwert den erzielbaren Wert übersteigt. Falls eine Wertbeeinträchtigung vorliegt, muss der Buchwert auf den erzielbaren Wert reduziert werden. Die Korrektur schlägt sich in der Erfolgsrechnung nieder.

X etra: Mehr als 80 Prozent des gesamten deutschen Aktienhandels werden über dieses elektronische Handelssystem abgewickelt. Auch die Wiener Börse setzt es ein. Der Xetra-Zentralrechner steht in Frankfurt am Main.

Y ield oder Rendite von Anleihen: Misst die Verzinsung von Schuldverschreibungen. Bei zehnjährigen US-Staatsanleihen liegt die Rendite derzeit bei 3,72 Prozent. Sinkt der Kurs der Anleihe (z. B. von 100 auf 98), steigt die Rendite.

Z itterpartie: Beliebtes Wort an den Börsen, wobei derzeit mehr von Zittern als von Party die Rede ist. ((as, bpf, gra, kol, sulu, szem, vk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

 

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