"Die Wirtschaft wird jetzt totgequatscht"

14. November 2008, 18:40
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Eine Online-Umfrage zeigt deutlich: Viele Österreicher fordern nicht nur staatliche Bankenrettungspakete, sondern ein generelles Umdenken

Es zeigt sich deutlich, dass die Politik wesentlich stärker gefordert sein wird, als nur Geld in die Hand zu nehmen und Banken zu stützen", fasst Reinhold Henke, Managementberater beim Marktforschungsinstitut euroSEARCH die Ergebnisse einer Umfrage zusammen, die zwischen 29. Oktober und 10. November mit dem Standard gemeinsam online durchgeführt wurde. 1104 Österreicher beantworteten Fragen darüber, wie sie die aktuelle Finanzkrise persönlich betrifft. "Die Sorge, dass sich auch die privaten Pensionsvorsorgen von der Krise nicht so schnell erholen werden, prägt sehr deutlich das Erwartungsbild der Bürger", resümiert Henke weiter, "die Banken werden wohl stärker als bisher den Menschen erklären müssen, womit sie ihr Geld verdienen wollen. Es wird eine neue Form der Transparenz und Verständlichkeit in der Geschäftstätigkeit der Banken Einzug halten müssen" (siehe Grafiken unten).

Die Teilnehmer hatten auch die Möglichkeit, Fragen "offen" zu beantworten, also in eigenen Worten. Auf die Frage, wer schuld an der derzeitigen Krise sei, fiel sehr oft der Begriff "Gier", "mangelnde Kontrolle", aber auch "der Zinseszinseffekt" - "Hauptursache ist die Überschuldungsspirale durch den exponentiellen Zinseszinseffekt - astronomische Schuldenberge und Geldvermögen (daher Überspekulation). Das System führt zum Kollaps der Kredite (,peak credit', der etwa alle 60 Jahre stattfindet)", schrieb ein Teilnehmer.

Auf die Frage nach möglichen Konsequenzen der Krise in der nahen Zukunft überwiegt Pessimismus in allen Schattierungen: "Die staatlichen Gelder, die in die Banken-Rettungsaktionen fließen, werden im Sozialsystem fehlen. Krankenkassen, öffentlicher Verkehr, Sozialgelder werden massiv gekürzt werden"; "zunächst Deflation (,unwinding of debt', 'de- leveraging'), dann starke Inflation"; oder: "Steuerflucht der Trotzdem-Gewinner". Einer merkte schließlich an: "Die Wirtschaft wird totgequatscht, weil jeder glaubt, unbedingt ein negatives Statement abgeben zu müssen, um klug zu erscheinen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

 

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