In der Krise klotzen, nicht kleckern

14. November 2008, 18:06
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Die Finanzbehörden entwickelter Länder tun, was nötig ist, um einen Zusammenbruch des Systems abzuwenden, sie befassen sich aber in geringerem Ausmaß mit dem Schicksal der Länder an der Peripherie - Von George Soros

Das derzeitige globale Finanzsystem ist durch eine gefährliche Asymmetrie charakterisiert. Die Finanzbehörden entwickelter Länder tragen die Verantwortung und tun, was nötig ist, um einen Zusammenbruch des Systems abzuwenden.

Sie befassen sich aber in geringerem Ausmaß mit dem Schicksal der Länder an der Peripherie. Daher bietet das System diesen Ländern weniger Stabilität und Schutz als denen im Zentrum. Diese Asymmetrie - durch das Vetorecht der USA im Internationalen Währungsfonds (IWF) zementiert - erklärt auch, warum die USA im letzten Vierteljahrhundert ein ständig steigendes Leistungsbilanzdefizit anhäufen konnte. Washington verhängte über andere Staaten strikte Markt-Disziplin, aber die USA waren ausgenommen.

Die Krise der Emerging Marktes 1997 verwüstete die Peripherie wie Indonesien, Brasilien, Korea und Russland, verschonte aber die USA. Diese Staaten befolgten anschließend eine solide gesamtwirtschaftliche Politik, die wieder große Kapitalströme ins Land brachte und in den letzten Jahren zu schnellem Wirtschaftswachstum führte. Dann kam die Finanzkrise, die ihren Ursprung in den USA hatte.

Bis vor kurzem waren große Randstaaten wie Brasilien großteils nicht betroffen, sie profitierten vom Boom der Rohstoffmärkte. Aber nach dem Bankrott von LehmannBrothers erlitt das Finanzsystem einen Herzinfarkt. Die Verantwortlichen in den USA und Europa nahmen zu verzweifelten Maßnahmen Zuflucht, um es wiederzubeleben. Im Kern beschlossen sie, dass keine weitere große Finanzinstitution in Konkurs gehen dürfe. Und sie garantierten den Sparern Sicherheit für ihre Einlagen.

Das hatte unbeabsichtigte, nachteilige Kon-sequenzen für Länder an der Peripherie, die diese ohne Vorwarnungen trafen.

In den vergangenen Tagen kam es zur Geldflucht von den Banken der Peripherie zurück ins sichere Zentrum. Währungen haben gegenüber Dollar und Yen an Wert verloren, manche davon sehr stark. Zinsen und Kreditversicherungsprämien sind in die Höhe gesprungen, die Börsen zusammengebrochen. Nachschussforderungen sind stark gewachsen und haben sich auf Europa und die USA ausgeweitet und bringen die Aussicht auf eine neue Panik mit sich.

Der IWF diskutiert einen neuen Kreditrahmen für die Länder an der Peripherie. Im Gegensatz zu früheren Kreditrahmen, die wegen erdrückender Bedingungen nie ausgeschöpft worden sind, sollen an diese neue Einrichtung keine Bedingungen geknüpft sein. Zusätzlich ist der IWF bereit, Kredite an schlechter qualifizierte Staaten zu vergeben. Island und die Ukraine haben schon unterschrieben, Ungarn kommt als Nächstes dran.

Der Ansatz ist gut, aber es ist zu wenig und zu spät. Das Maximum, das dieser Kreditrahmen gewährt, ist das Fünffache der Quote des Landes. Im Falle von Brasilien sind das 15 Milliarden Dollar, ein Almosen, verglichen mit Brasiliens eigenen Währungsreserven von mehr als 200 Milliarden Dollar. Ein viel größeres und flexibleres Paket ist nötig, um die Märkte zu beruhigen.

Die Zentralbanken der Staaten im Zentrum müssten den Zentralbanken qualifizierter Staaten am Rand und Staaten mit großem Währungsreserven große Swaps gewähren. China, Japan, Abu Dhabi und Saudi- Arabien müssten einen zusätzlichen Fonds aufbringen, der flexibler verteilt werden kann. Es besteht auch dringender Bedarf an kurz- und längerfristigen Krediten, um Ländern mit gesundem Steuereinkommen zu ermöglichen, eine keynesianische antizyklische Politik zu verfolgen. Nur die Belebung der Inlandsnachfrage kann das Gespenst einer weltweiten Depression bannen.

Leider hinken die Behörden den Ereignissen immer nach; deshalb gerät die Finanzkrise außer Kontrolle. Die Krise hat schon die Golfstaaten erfasst, und Saudi- Arabien und Abu Dhabi sind vielleicht schon zu sehr mit ihrer eigenen Region beschäftigt, um zu einem weltweiten Fonds beizutragen. Es ist an der Zeit, über spezielle Sonderziehungsrechte oder die Schaffung einer anderen Art internationaler Reserven in großem Maßstab nachzudenken, aber das unterliegt dem amerikanischen Veto.

Präsident Bush hat für den 15. November einen G-20-Gipfel einberufen. Aber das nützt wenig, solange die USA nicht ernsthaft bereit sind, einen weltweiten Rettungsversuch zu unterstützen. Die USA müssen den Weg weisen, wie die peripheren Staaten vor einem Sturm geschützt werden können, der seinen Ausgang in den USA genommen hat, wenn sie ihren Führungsanspruch nicht verwirken wollen. Selbst wenn Bush diese Ansicht nicht teilt, besteht Hoffnung, dass es der nächste Präsident tut - aber bis dahin wird der Schaden noch viel größer sein. (George Soros, Übersetzung: GertraudSchneider. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

Person:

George Soros ist Vorsitzender des Soros Fund Management.

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