"Nicht immer nur keppeln"

16. November 2008, 20:19
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Barbara Coudenhove-Kalergi hat einen neuen Job: Die STANDARD-Kolumnistin lehrt Migrantinnen Deutsch - eine Reportage

Zwischen abgenutzten Schraubstöcken, Zeichengeräten und Fünfzigerjahre-Mobiliar sitzen vier junge Frauen und wiederholen laut, was die Lehrerin vorsagt: Ist dieses Haus hässlich? "Ja, dieses Haus ist hässlich." Sind diese Stühle billig? "Ja, diese Stühle sind billig." Jeden Mittwoch und Freitag kommen die Frauen hierher, in die Volksschule Pantzergasse im 19. Bezirk, um Deutsch zu lernen, während ihre Kinder, die der Sprache bereits mächtig sind, beim Rechnen, Zeichnen oder im islamischen Religionsunterricht sitzen. Es ist einer von vielen "Mama lernt Deutsch"-Kursen, die heuer wieder in Wien angeboten werden. Mit einer Besonderheit: Jene agile Frau, die gerade mit Kreide deutsche Verbformen an die Tafel malt, ist österreichischen Medienkonsumierenden nicht ganz unbekannt: Barbara Coudenhove-Kalergi.

Hochzeit, Braut, Bräutigam

"Ein pompöses Kleid? Was ist das?", fragt Hülya Kayataş, und deutet auf eine Passage im Zeitungstext, den Coudenhove-Kalergi gerade ausgeteilt hat. "Wissen alle, was ein Kleid ist?", fragt die Lehrerin. Die Frauen nicken, eine zeigt auf ihr Gewand. "Gut, und ein pompöses Kleid ist ein prachtvolles, schönes, teures Kleid." Weiter im Text, die nächste Unklarheit: "Brautmode?" Coudenhove geht schrittweise vor, erklärt Begriffe wie Hochzeit, Braut, Bräutigam. "Ist jetzt allen klar, was ein Brautmodengeschäft ist?" - Hülya nickt: "Ein Geschäft für pompöse Kleider."

"Mich interessiert Integration"

Was bewegt eine mehrfach preisgekrönte, immer noch journalistisch umtriebige 76-Jährige, sich einer wochenlangen, intensiven Ausbildung zur Kursleiterin zu unterziehen und sechs Stunden pro Woche einer Handvoll Frauen, die kaum mehr als Grundschulbildung vorzuweisen hat, die deutsche Sprache beizubringen? "Mich interessiert Integration. Und man kann nicht immer nur keppeln, man muss auch etwas tun", sagt Coudenhove.

Und das fällt nicht immer leicht. Der Plural von Lehrer?, fragt Coudenhove. "Lehrer." Der Plural von Lehrerin? "Lehrerin", folgert die tunesischstämmige Rim Missawi. Coudenhove korrigiert sie, schreibt "Lehrerinnen" auf die Tafel und beteuert: "Das sind Dinge, die ihr euch merken müsst. Da gibt es keine Logik." Die Frauen nicken, sie machen schnell Fortschrifte.

Hausfrauen

"Wir wollen lernen", betont Rim in der Kaffeepause. Die Mutter zweier Kinder lebt seit acht Jahren in Wien, ihr Mann spreche schon besser Deutsch als sie: "Er arbeitet." Rim hingegen ist Hausfrau und hat zwei Kinder zu betreuen. Keine der Frauen im Deutschkurs hat einen Job. Kinderbetreuungen könnten sie sich aber ohnehin nicht leisten. "Ihre Männer sind alle unter ihrer Qualifikation beschäftigt", erklärt Coudenhove-Kalergi. Die 150 Euro Kursgebühr seien zwar vergleichsweise billig, im Haushaltsbudget fehlen sie trotzdem spürbar.

Das ist nur einer der Gründe, warum die Deutschkurse auch in der Pantzergasse nur spärlich besucht werden. Sieben Frauen besuchen Coudenhoves Klasse, heute sind nur vier hier. Das Potenzial liegt weit darüber: Mehr als die Hälfte der Pantzergasse-SchülerInnen stammt aus Migrantenfamilien. Dass dennoch viele Mütter nicht zu "Mama lernt Deutsch" finden, liege auch daran, dass manche von ihnen gar nicht alphabetisiert sind, anderen würde von ihren Männern davon abgeraten, ihre Zeit in Bildung zu investieren, glaubt Coudenhove-Kalergi.

Kinderkriegen aufgeschoben

"Würde dein Mann schimpfen, wenn er erfährt, dass du Zeitungsinterviews gibst?", will Coudenhove von Rim Missawi wissen, als wir sie zum Gespräch beiseite holen. "Dann wäre er ein Scheiß-Mann", lacht Lale Kizilirmak, die mit 16 Jahren geheiratet hat. Keine der Frauen war zum Zeitpunkt der Hochzeit älter als 22. Nun sitzen sie gebeugt über einem Kronen Zeitungs-Artikel, in dem eine 29-Jährige Wienerin über die bevorstehende Heirat spricht. Ihr sei schon aufgefallen, dass in Österreich viele Frauen mit ihrem Mann zusammenleben, das Kinderkiegen aber aufschieben würden, erzählt Rim, deren Neugier immer wieder die Sprachhemmung durchbricht. "Stimmt", sagt Coudenhove. "Ob das gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten."

Die "Mama lernt Deutsch"-Kurse sind in der Integrationsvereinbarung nicht anerkannt. Wer die für viele Zuwanderergruppen verpflichtende Deutschprüfung bestehen will, muss zusätzliche Kurse besuchen. Das weiß auch Rim Missawi, die auf die Deutschprüfung hinarbeitet. Zwei Mal wöchentlich drei Stunden Deutschunterricht reichen dafür nicht aus. "Ich muss dazulernen. Mit den Kindern habe ich aber wenig Zeit."

Vorbild Wien

"So grausam es auf Bundesebene ist, so gut läuft es in Wien", so Coudenhove-Kalergis Beurteilung der Integrationspolitik. Dass die Mama-Kurse flächendeckend angeboten werden, müsse man der Stadtverwaltung "wirklich zugute halten." Dennoch spielt die Bundesgesetzgebung auch in den Kursen eine Rolle. Obwohl die Kinder der Frauen hier geboren und verwurzelt sind, hätten die meisten nur befristete Niederlassungsbewilligungen. "Das ist fürchterlich", meint Coudenhove.

Weiter im Brautkleider-Text. Coudenhove-Kalergi bittet um eine Zusammenfassung. Rim zeigt auf und sagt: "Die Frau kauft das Kleid. Der Mann trägt es nur einen Tag." Kurzes Staunen, dann versteht Coudenhove: "Das heißt ‚man', nicht ‚Mann' ". Und gibt zwei Beispiele: "Wenn es draußen regnet, ist man deprimiert. Wenn man den Text nicht versteht, ist man traurig." Verständnisvolles Nicken in der Klasse. Coudenhove winkt ab: "Das wird schon mit der Zeit." (Maria Sterkl, derStandard.at, 16.11.2008)

  • Deutschlernen, praxisnah - mit der "Kronen Zeitung"
    foto: derstandard.at/mas

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  • "Wir brauchen eine Wohnung"
    foto: derstandard.at/mas

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  • Für Kleinkinder gibt es in der Schule eine eigene Betreuung- nicht alle gehen hin
    foto: derstandard.at/mas

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