Bezahlung als Anreiz zum übermäßigen Risiko

15. November 2008, 17:00
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Struktur der Bezahlung hat die Finanzkrise mitverursacht: Mit riskanten Deals konnten Manager und Händler ihr Einkommen steigern

Weniger die astronomische Höhe von Gehältern im Finanzsektor als die Struktur der Bezahlung hat die Finanzkrise mitverursacht: Mit riskanten Deals konnten Manager und Händler risikolos ihr Einkommen steigern.

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Spitzenbanker haben in den vergangenen Jahren vor allem in den USA unglaubliche Summen verdient. Angesichts des Desasters, in das viele ihre eigenen Unternehmen und die gesamte Finanzwelt geführt haben, erscheinen diese Millionenbeträge jetzt unverschämt, ja sogar kriminell. So muss nun der ehemalige Chef der in Konkurs gegangenen Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld, sich vor dem US-Kongress rechtfertigen, warum er seit dem Jahr 2000 rund 500 Mio. Dollar eingesteckt hat und nach dem Kollaps einen großzügigen „Golden Handshake" erhielt.

Für Ökonomen, die sich mit der Struktur der Managergehälter und deren Auswirkungen auf die Finanzkrise beschäftigen, geht der Zorn über Managergehälter am Kern des Problems vorbei. Selbst die hohen Abfertigungen für gescheiterte CEOs seien in erster Linie eine ethische Frage. Was Experten wie Raghuram Rajan, den früheren Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds, am meisten stört, ist das Anreizsystem, das sich über die Jahre nicht nur für Vorstände, sondern auch für Abteilungsleiter und einzelne Händler in den Banken und Investmenthäusern entwickelt hat. Als leistungsgerechte Bezahlung gedacht, fördert es genau jenes unverantwortliches Risikoverhalten, das die Finanzblase der vergangenen Jahre und den folgenden Crash erst möglich gemacht hat.

Chance auf exorbitante Gewinne

Wenn Vermögensverwalter und Händler in einem Kalenderjahr höhere Renditen erwirtschaften, dann steigt ihr Bonus. Haben sie einmal ein schlechtes Jahr, dann verlieren sie diesen Bonus und schlimmstenfalls ihren Job. Die früheren Gewinne müssen sie aber nicht zurückzahlen. Daher zahlt es sich aus ihrer Sicht aus, mit einer riskanteren Veranlagungs- und Handelsstrategie die Chance auf exorbitante Gewinne in guten Jahren zu steigern und dabei den gelegentlichen Crash zu riskieren. Wer hingegen vorsichtig vorgeht, der verdient über mehrere Jahre gerechnet viel weniger.

"Wenn wir die finanziellen Anreize nicht reparieren, dann entsteht mehr Risiko, als wir eigentlich wollen", schrieb Rajan in einem Kommentar in der Financial Times. Die Lösung ist, Boni über mehrere Jahre zurückzuhalten und erst dann auszuhalten, wenn es sich gezeigt hat, dass die Gewinne wirklich nachhaltig waren. Das tun zwar einige Banken, aber sie riskieren dabei, besonders gute Leute an die Konkurrenz zu verlieren. Denn Stars in der Branche wollen ihre Belohnung gleich erhalten.
Auch die Bezahlung von Top-Managern mit Aktienoptionen hat sich als zweischneidiges Schwert erwiesen: Statt Effizienz wird damit ebenfalls höheres kurzfristiges Risiko und sogar die Schönung von Bilanzen gefördert. Hier empfehlen Experten die Ausgabe von Aktien, die mehrere Jahre nicht verkauft werden dürfen.

Warum sorgen nicht die Eigentümer, also die Aktionäre, für ein nachhaltiges und krisenfestes Bezahlungssystem? Auch hier wissen die Ökonomen eine Antwort: Für einzelne Aktionäre zahlt sich ein solcher zeitaufwändiger Einsatz nicht aus. Man überlässt die Frage der Bezahlung lieber den Vorständen selbst. Wer das Ergebnis nicht mag, verkauft einfach seine Aktien. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist tatsächlich ein staatlicher Eingriff - aber nicht in die Höhe der Gehälter, sondern in das System. (Eric Frey/DER STANDARD; Printausgabe, 15.11./16.11.2008)

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    Ex-Lehman-Chef Richard Fuld wurde vor seiner Aussage im US-Kongress von Demonstranten umringt. Er ist zur Symbolfigur der Gier geworden.

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