Gordon Gekko ist verschwunden

14. November 2008, 16:39
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Diesen superscharfen und supersmarten Typen gibt es in New York nicht mehr: ein Abgesang auf den Investmentbanker

Das Eckbüro in einem der Türme von Manhattan war lange Zeit der Endpunkt allen menschlichen Strebens; 60, 70, 75 Quadratmeter, ein paar Leder-Stahl-Quader aus Italien, ein Humidor für die Zigarre "nach dem Deal" - und natürlich diese "unglaubliche Aussicht auf den East River". Das Business-Aquarium war die ökonomisch-ökologische Nische für Investmentbanker, Männer, die alles erreicht, alles im Blick und alles unter Kontrolle hatten, Männer wie Gordon Gekko aus Oliver Stones Film Wall Street. Michael Douglas lieferte mit dem scharfen, schnellen und ein wenig schleimigen Alphatier eine Ikone des Spätkapitalismus. Sätze wie "Gier ist gut" wurden gleichzeitig zu Running Gags und Lehrsätzen der Finanzbranche: "I create nothing. I own. We make the rules, pal. The news, war, peace, famine, upheaval, the price per paper clip."

Gordon Gekko steht auf der Liste der "größten Schurken" des American Film Institute auf Rang 24 - aber für viele Leute war er ein Held. Stanley Weiser, Drehbuchautor von "Wall Street", meinte dazu Jahre später: "Ich kann nicht glauben, dass die Menschen diese Figur zu einem Vorbild umgewandelt haben, dass Menschen so sein wollen wie er." Gekko und seine realen Kollegen waren Halbgötter, die in der luftigen Höhe der Konzernzentralen über die Schicksale der Sterblichen entschieden. Und erinnerten einige der Großbanker und Großpleitiers der Wall Street mit ihrem großen Ego und exquisiten Geschmack nicht an die griechischen Götter im Olymp? Übermenschen, die auch nur Menschen sind.

Neuer kapitalistischer Look

Als Ende September die Finanzkrise ausbrach, verschwand der Typus Gordon Gekko von den Bildschirmen und Titelseiten. Stattdessen sah man Investmentbanker, Börsenmakler und Manager mit tiefen Augenringen und bleichem Teint, die über Wochen die immer gleichen Verzweiflungsgesten durchführten: Hand in den Haaren, Hand vor den Augen und vor dem Mund. Ich will nichts sehen, ich will nichts sagen, ich kann nichts tun. Während Minister und Politiker zu Notfallkonferenzen zusammentrafen und innerhalb weniger Stunden und Tage über elfstellige Euro-Summen entschieden, während die Konsumenten ihrer Staatsbürgerpflicht nachkamen, und tapfer weiterhin shoppen gingen - scheinen die Wirtschaftsfachkräfte handlungsunfähig zu sein, schlagen an schlechten Börsentagen die Hände vors Gesicht, recken an guten Tagen siegessicher die Faust, oszillieren zwischen Katastrophe und Triumph, die Mundwinkel als Verlängerung der Aktienkurve.

Der Kapitalismus hat einen neuen Look. Sorgenfalten statt Gewinnerlächeln. Wie vielsagend doch die Aussage vieler Finanzexperten, dass auch die klügsten Banker ihre eigenen polymorphen und toxischen Kreditkonstrukte nicht mehr zu 100 Prozent durchschauten. Wenn jetzt die Banken und Funds nach staatlicher Hilfe schreien, dann wird plötzlich klar: Der Kapitalismus sieht gar nicht mehr so maskulin-muskulös aus wie der Marlboro Man - er ist ein Schwächling. Hollywood hat vor einigen Wochen angekündigt, eine Fortsetzung von Wall Street zu drehen. Money Never Sleeps. Vielleicht bekommt der Kapitalismus ein neues Gesicht.

Die Finanzbranche wurde, wenn man das nach Lektüre von ein paar Hundert Artikeln richtig verstanden hat, vor allem durch laxe Kreditstandards auf dem Hypothekenmarkt, mangelhafte Kontrollsysteme und fremdfinanzierte Wetten der Banken ausgelöst. Unter die-sen Bedingungen wurden immer neue Kredite vergeben, neu verpackt, mit Gewinn weiterverkauft - den Handelnden war klar, dass sie nicht überraschenderweise das Perpetuum mobile erfunden hatten, aber niemand wollte als Erster aus der Rally aussteigen. Persönliche oder institutionelle Bereicherung war wichtiger als der gesellschaftliche Wohlstand. Alan Greenspan meinte bei einem Hearing vor dem US-Kongress, er habe einen Fehler gemacht, als er annahm, dass die Banken allein schon aus ihrem Eigeninteresse dafür sorgen würden, dass der Wert der Aktien beständig bliebe. Der Exfinanzguru bezeichnete sich als "verzweifelt" und "geschockt" , "das System hatte doch 40 Jahre lang funktioniert" - hatte sich im Vergleich zu Sozialismus und Kommunismus als überlegen erwiesen. Jetzt aber hat das Siegersystem einen Systemfehler.

Wenn nun von einer Vertrauenskrise auf den Märkten die Rede ist, dann heißt das nicht nur, dass Banken keine Kredite mehr als Unternehmen vergeben, dass Konsumenten keine Autos mehr kaufen, dass also der Kapitalfluss massiv gestört ist - es bedeutet auch, dass das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Kapitalismus verlorengegangen ist. Es war jedenfalls beeindruckend, zu beobachten, wie die Versuche der Konservativen, Barack Obama als Sozialisten und Feind des freien Marktes zu stigmatisieren, ins Leere liefen; als hätten die Menschen im "Land of the free (and the free market)" gesagt: Ja, vielleicht wäre ein Sozialist gar nicht so schlecht.

Die Börse, so zeigt eine kleine Begriffsbohrung, ist dieser Tage abwechselnd und manchmal zugleich verunsichert, erleichtert, deprimiert, gespannt und euphorisiert - kein Wunder dass der Index aussieht wie das EKG eines Patienten mit Vorkammerflimmern. Dem schwarzen Montag, Mittwoch, Freitag folgt der Tag mit dem höchsten Kursgewinn aller Zeiten, einzelne Aktien steigen um mehr als 100 Prozent, ganze Branchen verschwinden, am nächsten Tag geht der wilde Ritt von vorn los - Rekordverluste und Rekordgewinne wechseln einander ab, jeder Tag ist einer für das Guinness-Buch der Rekorde - ein Psychiater würde eine bipolare Störung diagnostizieren.

Die Auswirkungen der Börse beschreibt man mit Worten wie Erdbeben, Tsunami oder Wirbelsturm - das Wirtschaftssystem erscheint vielen Menschen als Naturgewalt wie etwa das ähnlich komplexe wie gestörte Weltklima. Kein Wunder. Der Markt ist immer da. Anders als die Sonne, die nach 12 oder 15 oder nur 8 Stunden wieder untergeht, tickt, dampft und rattert der Markt rund um die Uhr: Man kann um Mitternacht in Hongkong und Tokio handeln, bevor dann am Vormittag die europäischen Börsen eröffnen, und, noch einmal sechs Stunden später, die Amerikaner in den Markt eingreifen, während die Japaner schon wieder aufstehen und ... Das System erscheint als endloser Loop, eine Abfolge aus Rally und Rezession, welche die Marktteilnehmer mitschwemmt wie eine große Welle - "Was sollten wir tun, alle anderen haben auch mitgemacht?" , lautete deshalb eine oft wiederholte Entschuldigung der Investmentbanker. Man sollte diese Manager nicht verdammen oder anklagen, sondern bedauern: Sie haben die Kapital- und Finanzflüsse weder im Griff, noch können sie sich noch an ihnen bereichern.

Beruf mit Zukunft

Der deutsche Pop-Philosoph Diedrich Diedrichsen schreibt: "Wir reden, als gäbe es im Kapitalismus keine Geschichte mehr, nur noch Zyklen. Trübtassige, biomorphe Sequenzen von Hausse und Baisse schleppen sich durch posthistorische Jahrzehnte." Aber die Geschichte ist nie zu Ende gegangen, und es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es sich bei dem Wirtschaftssystem um ein von Menschen gemachtes Konstrukt handelt, dass wir unter großen Anstrengungen und mit gewissen Opfern auch neugestalten können. Interessant deshalb auch die Frage, welche langfristigen Folgen der Gesichtsverlust des Kapitalismus eigentlich haben wird. Dass sich die Jugend der Welt, die klügsten Wissenschafter und energetischsten Individuen, wie noch in den 80er- und 90er-Jahren, für eine Karriere als Investmentbanker entscheiden werden, kann man sich angesichts der kapitalistischen Jammerlappen kaum vorstellen. Wir müssen uns neue Vorbilder, neue Erfolgsgeschichten, neue Götter suchen. In den USA spricht man zum Beispiel gerade vom Obama-Pay-off: "Die jungen Leute wollen nicht mehr reich werden", schreibt die Times, "sie wollen die Welt verändern. Community-Organizer ist ein Beruf mit Zukunft." (Tobias Moorstedt/DER STANDARD, Album, Printausgabe, 15./16.11.2008)

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    Das neue Bild der Broker und Banker: Sorgenfalten statt Gewinnerlächeln und die hängenden Mundwinkel als Fortsetzung der fallenden Aktienkurse.

  • "Stanley Weiser, der Drehbuchautor von 'Wall Street' meinte: 'Ich kann es nicht glauben, dass Menschen diese Figur zu einem Vorbild umgewandelt haben und so sein wollten wie er.'"

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