"Liquiditätsrisiko hat einen neuen Stellenwert"

14. November 2008, 16:31
posten

Die Finanzkrise hat das Marktverhalten verändert. Systemische Risiken wurden seit dem Platzen der Technologieblase vernachlässigt, sagt Risikomanager Martin Rohmann

Standard: Sie sind Risikomanager, was genau machen Sie?

Rohmann: Das Risikomanagement einer Bank ist vielschichtig. Es gibt das Kreditrisikomanagement, das Kredite analysiert, Sicherheiten bewertet und Kunden intern bewertet. Das Marktrisiko-Management misst potenzielle negative Wertschwankungen im Aktien-, Zins-, Derivatehandel etc. Nach Basel II müssen auch operationale Risiken wie Systemfehler oder Betrugsfälle mit Eigenkapital unterlegt werden, auch hierfür haben wir ein spezielles Team.

Standard: Wie haben die vergangenen Monate das Risikomanagement verändert?

Rohmann: Es gab Veränderungen, die zwangsläufig gekommen sind, weil die Märkte nicht mehr so funktionieren wie in der Vergangenheit. Der Geldhandel unter Banken funktioniert seit dem Sommer praktisch nicht mehr. Da hat die Krise das Marktverhalten unmittelbar verändert. Auch im Derivatebereich funktionieren die Märkte nicht mehr so wie früher. Das Liquiditätsrisiko hat einen völlig neuen Stellenwert bekommen. Es hat Eingriffe der Aufsichtsbehörden gegeben. In Österreich wurde die Vergabe von Fremdwährungskrediten untersagt.
Standard: Auch Leerverkäufe wurden verboten. Hilft das?

Rohmann: Ich halte das Verbot für absolut wichtig und notwendig in der aktuellen Krise. Grundsätzlich halte ich es für notwendig, dass sie erlaubt sind, solange transparent ist, was passiert. Eingeführt wurden die Leerverkäufe ja in den 30er-Jahren. Damals hat man festgestellt, dass durch das Fehlen von Leerverkäufen die erratische Kursausschläge verstärkt wurden.

Standard:
Was hat sich in der Risikoabschätzung seit dem Platzen der Technologieblase verändert?

Rohmann: Die Methoden sind weiterentwickelt worden, Basel II wurde eingeführt. Andere Probleme, etwa Liquiditätsrisiken, Systemrisiken durch die internationale Vernetzung der Märkte und Risiken komplexer Verbriefungsstrukturen, sind vernachlässigt worden.

Standard: Sie haben 2000 ein Buch veröffentlicht, in dem Sie schreiben: "Dem Kreditgeschäft der Banken steht in den nächsten Jahren ein enormer Strukturwandel bevor. Hohe Kreditausfälle und die damit verbundene unzureichende Profitabilität im Kreditgeschäft, Neuerungen am Kreditmarkt wie Kreditderivate und Verbriefung ... erfordern eine völlige Neuausrichtung ..."

Rohmann:
Ich habe die extrem komplexen, strukturierten Produkte immer kritisch betrachtet, weil sie intransparent sind. Als Händler konnte ich beobachten, dass Kunden, auch Fonds oder Versicherungen, die Produkte nicht verstehen.

Standard: Jedes große Haus hat eine Abteilung, die Risiko prüft. Wie kann es sein, dass fast jedes Geldinstitut dieser Welt riesige Exposures in diesen Papieren hat, und jetzt sagt man, am Ende hat's keiner wirklich verstanden?

Rohmann: Risiken, die man nicht versteht, sollte man als Bank nicht eingehen. Hinter Verbriefungsstrukturen, wie etwa den Subprime-Krediten, steht eine lange Kette von Akteuren, wo viel Information verlorengehen kann. Wenn Kredite an Leute vergeben werden, die kaum ein Einkommen haben, dann krankt das System schon am Anfang. Als die Immobilienpreise fielen, ist das System kollabiert.

Standard: Hätte man Vorkehrungen treffen können, oder musste das System kollabieren?

Rohmann: Im Nachhinein kann man natürlich sagen, dass es irgendwann einmal kollabieren hat müssen. Was wir nicht gesehen haben, war der Spill-over-Effekt auf andere Märkte und andere Länder. Von der Savings&Loan-Krise, die die USA in den 80er-Jahren hatten, hat man in Europa kaum etwas gemerkt, weil die Märkte nicht so miteinander verbunden waren. Da wird jetzt auch die Bankenregulierung ansetzen müssen, um diese systemische Vernetzung zu analysieren und zu überlegen, wie man das künftig verhindern kann, etwa über Clearing-Mechanismen. Wir hatten hier krasse Domino-Effekte. Als Lehman Brothers ausgefallen sind, hat dies zu einer extremen Panik im Markt geführt.

Standard: Viele Länder haben mittlerweile Hilfspakete geschnürt. Greifen diese? Fasst der Markt wieder Vertrauen?

Rohmann: Die Lage hat sich deutlich gebessert. Im Interbankenmarkt ist wieder mehr Ruhe eingekehrt, wenngleich es noch längst nicht so ist, wie es früher einmal war. Entscheidend ist jetzt, was das alles für die Realwirtschaft bedeutet.

Standard: Das klingt nach sehr viel unkalkulierbarem Risiko. Wie kann man diese vielen Fragezeichen betriebswirtschaftlich bewerten?

Rohmann: Gutes Risikomanagement bedeutet auch zu akzeptieren, dass wir immer nur ein begrenztes Verständnis der komplexen Zusammenhänge haben werden und wir versuchen müssen, uns gegen extreme Entwicklungen abzusichern. Risiko entsteht ja immer dort, wo man es nicht erwartet. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

 

  • Martin Rohmann (45) hat Rechts- und Wirtschaftswissenschaften studiert und seine Doktorarbeit zum Thema "Risikoadjustierte Bewertung und Steuerung von Ausfallrisiken in
Banken"  verfasst. Rohmann leitet seit Juli 2007 das Risk Management der Erste Bank.
    foto: standard/urban

    Martin Rohmann (45) hat Rechts- und Wirtschaftswissenschaften studiert und seine Doktorarbeit zum Thema "Risikoadjustierte Bewertung und Steuerung von Ausfallrisiken in Banken"  verfasst. Rohmann leitet seit Juli 2007 das Risk Management der Erste Bank.

Share if you care.