"Wir sind alle gierig"

14. November 2008, 16:27
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In Seminaren löst der britische Geldforscher Peter Koenig Ängste von Groß- und Kleinanlagern - Im STANDARD-Interview sprach er über die Macht unbewusster Projektion

STANDARD: Als Auslöser für den Finanzkollaps gilt die skrupellose Gier von Investoren. Woher kommt die Gier?

Koenig: Meines Erachtens ist es falsch, Gier zu lokalisieren. Jeder fragt: Wer ist schuld? Wir sind aber alle an diesem System beteiligt. Der kleine Sparer ist nicht anders als der große Manager. In diesem Sinne sind wir alle gierig.

STANDARD: Und deshalb konnte die Gier so mächtig werden?

Koenig: Unbewusste Projektionen führten dazu. Gier ist ein Suchtmechanismus. Wir sind nicht gierig geboren, aber wenn ein Teil von uns einen Mangel verspürt, zum Beispiel an Sicherheit, Glück oder Freiheit, dann projiziert unser Inneres diese Gefühle - häufig auf Geld. Im Glauben, erst wenn ich genug angehäuft habe, kommt irgendwann Sicherheit. Aber es funktioniert nicht, es geht immer weiter.

STANDARD: Warum eignet sich Geld so gut als Projektionsfläche?

Koenig: Weil Geld durch unsere Projektionen funktioniert. Sie sind bewusst oder unbewusst. Meist sind es unbewusste Prozesse, die lange zurückreichen. Ein Kind hat eine unglückliche Erfahrung und entwickelt Verlassensängste. Jeder kennt das von sich. Die unbewusste Lösung in dem Moment ist eine Projektion, indem ein Teil von uns sagt: Ich bin nicht schuld an diesem unglücklichen Zustand. Teile von uns, die wir nicht akzeptieren wollen, projizieren wir nach außen. Geld nimmt alle diese Projektionen an und verspricht scheinbare Auswege. Nur: Das hat Konsequenzen. Man verliert die Verbindung zu einem Teil des Selbst und damit zur Realität.

STANDARD: Lebten die Investoren im Spekulieren mit Geld, das nicht vorhanden war, unbewusste Sehnsüchte nach Unvernunft aus?

Koenig: Ich habe ein bisschen Mühe, wenn man generisch von "den Investoren" spricht. Jeder Investor ist auch Konsument, und die einzelnen Verhaltensweisen sind recht unterschiedlich.

STANDARD: Durch das irrationale Anlegerverhalten gilt die Börse aber schon seit langem als Symbol für Paranoia.

Koenig: Ich sehe die Börse nicht als paranoide Institution. Wenn wir unser Dasein betrachten, würde ich sagen: die Börse spiegelt unsere Emotionalität wider. Die Instabilität der Börsenkurse zeigt, dass wir emotional unsicher sind. Ich halte das für ein konstruktives Signal. Es gibt Dinge, mit denen wir emotional umgehen sollen. Die Frage des Ressourcenmanagements verursacht berechtigte Angst.

STANDARD: Welchen Platz im Körper würden Sie dem Geldsystem zuweisen?

Koenig: Es könnte unser Nervensystem sein, weil es stark mit unseren Emotionen verbunden ist.

STANDARD: Ist staatliche Kontrolle geeignet, tiefliegende Ängste zu bannen?

Koenig: Ich habe nichts dagegen. Aber ich glaube, dass diese Maßnahmen nur an der Oberfläche greifen. In der Schweiz kommen Leute zu mir und sagen, ihre größte Angst sei, unter einer Brücke zu landen. Ich sage: Es gibt in der Schweiz gar nicht genug Brücken für alle mit dieser Angst. Die Lösung ist, unbewusste Projektionen zu Geld bewusstzumachen.

STANDARD: Und zwar wie?

Koenig: In letzter Konsequenz ist es unmöglich, die eigene Existenz mit Geld abzusichern. Indem ich mir sage: "Ich bin sicher mit und ohne Geld und lasse das in meinen Körper hineinfließen und spüre die Sicherheit, die seit meiner Geburt immer da ist. Dadurch komme ich zurück zu meiner existenziellen Sicherheit." Dann verliert sich diese Angst in einer Sekunde.

STANDARD: Sie deklarieren auf Geldsorgen beruhende Existenzängste einfach weg?

Koenig: Das ist die Methode, und sie funktioniert. Es ist so: Die Architektur des jetzigen Systems ist eine auf den Kopf gestellte Pyramide. Seit 300 Jahren haben wir diese Architektur. Wenn sie so weiterwächst, muss sie umfallen. Am untersten Teil des Kopfes sind irreale Geldwerte, Hypotheken zum Beispiel, dadurch kommt die Pyramide ins Schwanken. Mit dem inneren Loslassen dieser großen Zahlen kommt eine positive Selbstregulierung ins Spiel. Dadurch wird die Pyramide stabiler. Je bewusster wir werden, umso mehr können letztlich auch andere Systeme entstehen. Das fixiert die Pyramide.

STANDARD: Was ist, wenn die Bewusstwerdung nicht gelingt und sich neue Süchte aufbauen?

Koenig: Wir sind alle zusammen in einem Evolutionsprozess. Je mehr wir diese Mechanismen an unbewussten Projektionen erkennen, desto intelligenter werden wir unsere Systeme gestalten. Ich habe großes Vertrauen in die Intelligenz des Kollektivs.

STANDARD: Und wenn die Pyramide kippt?

Koenig: Wenn das Finanzsystem kollabiert, werden wir sehen: Nichts Materielles wird verschwinden. Bäume und Blumen wird es sicher auch weiterhin geben. Aber es wird auf jeden Fall Störungen in unserer Infrastruktur geben, in unseren Handelsbeziehungen. Zum Beispiel unsere Ressourcenlieferungen. Warum muss man aus Afrika liefern? Werden sie uns auch weiterhin Kaffee liefern? Aber, wenn wir bewusst genug sind, können wir Infrastrukturbrüche wiederaufbauen. Nichts Echtes geht verloren. Ich wette aber, dass es nicht so weit kommen wird.

STANDARD: Wie verhalten sich Medien in diesem Bewusstwerdungsprozess?

Koenig: Was berichtet wird, ist Public Relations. Zwei Zwecke werden verfolgt: Einmal, dass der normale Bürger sein Geld nicht von seiner Bank abziehen soll. Zweitens: Die Banken sollen untereinander wieder vertrauen. Wenn nicht, dann ist das ganze Clearing-System kaputt. Medien haben die Botschaften selbst gestaltet oder einfach angeboten. Es ist ihnen dadurch gelungen, eine gewisse Stabilität und Zeit für tiefergreifende Maßnahmen zu schaffen.

STANDARD: In Ihren "Geldseminaren" versuchen Sie, diese Bewusstheit wieder herzustellen. Wer kommt zu Ihnen, verzweifelte Banker?

Koenig: Ursprünglich habe ich die Seminare für Geschäftsleute entwickelt. Inzwischen kommen Menschen aus allen Berufen und Vermögenslagen. Ihnen gemeinsam ist der Wunsch nach Selbstreflexion.

STANDARD: Haben sich die Seminare mit dem Kollaps verändert?

Koenig: Die Menschen wollen verstehen, was gerade läuft. Die Ursprünge dieser Finanzkrise kann ich relativ schnell erklären. Wenn sich die Geldflüsse der Individuen automatisch verändern und damit verbundene Sachzwänge auflösen, dann ändern sich Denken und Fühlen von selbst. Das kapiert jeder, der zu mir kommt. Veränderung kann nicht durch ein ausschließlich intellektuelles Verständnis kommen. (Doris Priesching/ DER STANDARD, Printausgabe, Album, 15./16.11.2008)

Über Geld und seinen Einfluss auf den Menschen forscht Peter Koenig seit 25 Jahren. Er begann als Unternehmensberater, seit 15 Jahren gibt er Seminare in Europa, inzwischen auch in Übersee. Der Brite lebt seit mehr als 35 Jahren in Zürich.

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