Eine Weltwirtschaftskrise - zwei Welten II

14. November 2008, 16:18
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Felix Kieninger hat die Finanzkrise von 1929 miterlebt. Wie seine Familie damals mit rund zwölf Schilling pro Woche auskam, erzählte er im Interview

Felix Kieninger hat die Finanzkrise von 1929 miterlebt. Wie seine Familie damals mit rund zwölf Schilling pro Woche auskam und er es trotzdem noch besser gehabt hat als viele andere, erzählte er András Szigetvari.

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STANDARD: Was ist Ihre stärkste Erinnerung an das Krisenjahr 1929?

Kieninger: Mein Vater hat damals als Metallschleifer gearbeitet. Ein fürchterlicher Beruf, er war den ganzen Tag Staub und Rost ausgesetzt. Als die Krise gekommen ist, wurde er es aber noch schlimmer: Er wurde arbeitslos. Seine Arbeitslose betrug zwölf Schilling in der Woche. Ein Kilo Brot hat 78 Groschen gekostet. Man kann sich ausrechnen, wie wir gelebt haben. Damals ging es vielen so: Es waren praktisch alle arbeitslos, wobei ich es besser gehabt habe als die Stadtkinder: Ich bin Ende April 1916 geboren, und mit sechs Jahren sind wir von Wien aufs Land nach Hainbach in Niederösterreich gezogen. Dort war das Leben einfacher.

STANDARD: Inwieweit?

Kieninger: Die Wiesen, die Wälder, die Bäche haben uns gehört! Wir konnten im Wald Schwammerln suchen, Himbeeren und Brombeeren gab es in Massen. Wir sind auch fischen gegangen, obwohl das natürlich verboten war, wir konnten Holz zum Heizen sammeln. Das haben die Menschen in der Stadt alles nicht gehabt.

STANDARD: Wie ist Ihre Familie mit so wenig Geld durchgekommen?

Kieninger: Meine Mutter hat am Wochenende in einem Gasthaus bei uns ums Eck Geschirr gewaschen. Das Geld das sie bekommen hat, war eine große Hilfe. Mein Glück war, dass gleich neben dem Gasthaus eine Kegelbahn gestanden ist, wo ich als 13-, 14-Jähriger als Kegeljunge gearbeitet habe. Mit dem Verdienst daraus konnte ich zum Beispiel meine Kleidung selbst zahlen.

STANDARD: Wurde bei ihnen in der Familie über die Krise gesprochen, viel politisiert?

Kieninger: Mein Vater war ein Roter, bei dem bin ich verblieben. In den 30er-Jahren waren die Schwarzen an der Macht, und da hat man gesehen, was sie mit den Arbeitern machen. Aber politisiert wurde nicht viel. Politik war bei uns Nebensache.

STANDARD: Haben Sie inmitten dieser Verelendung nie Wut gegen die Reichen verspürt?

Kieninger: Geschimpft haben wir schon, nur hat das nichts genutzt.

STANDARD: Wie ging es in den 30erJahren weiter, haben Sie selbst Arbeit gefunden?

Kieninger: Eine Lehre hab ich nicht annehmen können, weil das Geld, das man da verdienen konnte, gerade einmal für eine Straßenbahn- wochenkarte gereicht hätte. Drum habe ich lieber geschaut, wo ich helfen, etwas pfuschen kann. Ich habe dann später trotzdem eine Lehre angefangen. Mein Arbeitgeber war aber ein Jude. Als die Nazis kamen, musste er fliehen, und ich wurde wieder arbeitslos.

STANDARD: Heute ist ja wieder von einer Weltfinanzkrise die Rede. Wieder fürchten viele Menschen die Massenarbeitslosigkeit. Wie nehmen Sie das wahr?

Kieninger: Ich werde Ihnen etwas sagen: Mich wundern all diese Finanzkrisen nicht. Das wird ja alles künstlich hervorgerufen, weil keiner genug kriegt. Das ist die Gier. Ich selbst kann mich nicht beklagen: Das Leben heute ist ein Paradies. Im Gegensatz zu damals kommt man heute ja mit seinem Lohn oder seiner Pension durch. So eine gute Zeit wie jetzt, habe ich überhaupt noch nie erlebt. Wenn ich ein Bier will, nehme ich mir eines aus dem Kühlschrank. Früher habe ich mir das gerade einmal am Sonntag leisten können. Und auch das nur, wenn es gut gegangen ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2008)

Zur Person

Felix Kieninger, Jahrgang 1916, hat nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 20 Jahre für die Österreichischen Bundesforste gearbeitet. Er lebt heute in Wien-Penzing.

  • Der Vater von Felix Kieninger hatte zu dieser Zeit schon keine Beschäftigung mehr.
    foto: fischer

    Der Vater von Felix Kieninger hatte zu dieser Zeit schon keine Beschäftigung mehr.

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