1931, als die Credit-Anstalt alles mit sich riss

14. November 2008, 16:17
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Geschichte wiederholt sich, oder nicht? Wer derzeit Parallelen zu 1931, dem schwarzen Jahr für Österreichs Banken, zieht, ist ein rabenschwarzer Pessimist. Denn es besteht begründete Hoffnung, dass es heute besser läuft

Wien - "Die Umstände sind jetzt halt viel, viel besser für uns" , sagt Aurel Schubert von der Oesterreichischen Nationalbank, wo er Chef der Statistikabteilung ist. Seine Dissertation, die 1991 auch als Buch erschien, nimmt er neuerdings wieder öfter zur Hand, behandelte sie doch "The Credit-Anstalt Crisis of 1931" (Cambridge University Press).

Vieles an den derzeitigen Problemen erinnert auf den ersten Blick an die Zeit um 1931. Zum Beispiel das massive Engagement der Österreichischen Credit-Anstalt im Osten Europas.

Nach dem Zerfall der Monarchie blieb die damals größte mitteleuropäische Bank in den ehemaligen Habsburgischen Ländern engagiert, stand jedoch mehr und mehr in Konkurrenz zu den entstehenden lokalen Banken. "Da dürfte die Credit-Anstalt nicht immer die besten Kunden gehabt haben" , sagt Schubert; auch die risikoreicheren Geschäfte verblieben dem Institut.

1931 aber war das größte Problem der Credit-Anstalt die 1929 insolvent gewordene Bodencreditanstalt. Der Legende nach soll der Hauptaktionär der Credit-Anstalt, Louis Nathaniel Freiherr von Rothschild, bei der Jagd mit dem Gewehr an der Brust dazu gezwungen worden sein, das Institut zu übernehmen. Mehrfach war Rothschild schon davor mit Druck dazu genötigt worden, in Schieflage geratene Banken samt ihren Industriebetrieben zu übernehmen.

1931 war er damit Hauptaktionär der größten Bank Europas, eines Instituts, das an zwölf ausländischen Börsen notierte und einen Großteil aller österreichischen Industriebetriebe betreute. "Das, was Hannes Androsch später über die Credit-Anstalt gesagt hat, nämlich dass sie die monetäre Visitenkarte Österreichs war, das galt eigentlich für die Zeit vor 1931", sagt Schubert, um die Größenordnung zu illustrieren
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Dennoch überforderte diese letzte Übernahme der Bodencreditanstalt die Credit-Anstalt. So wurde an einem Freitag des Mai 1931 darauf hingewiesen, dass die Credit-Anstalt 85 Prozent ihres Eigenkapitals verloren hatte. Gleichzeitig wurde ein Rettungspaket verkündet, das aus Zuschüssen des Staates, von Nationalbank und Rothschild selbst bestand.

So weit, so professionell. Danach aber wurde völlig unkoordiniert vorgegangen. "Das waren halt ein paar Feuerwehrmaßnahmen", erklärt Schubert, wie der Niedergang des Bankhauses in ganz Europa Wellen schlug und direkt mit den Zusammenbrüchen in den USA in den Jahren 1932/33 in Zusammenhang gesetzt wird.
Während heute Maßnahmen "proaktiv" gesetzt werden, habe man damals lediglich reagiert: Am Montag nach Vorstellung des Rettungspaketes kam es zu einem Run auf die Bankfilialen. Der Sparer hatte Krone-Hyperinflation und New Yorker Börsenkrach von 1929 noch allzu gut in Erinnerung, misstraute den Banken und hatte kein Vertrauen in die Wirtschaft.

Binnen zwei Wochen war das Institut illiquid; die Nationalbank musste neuerlich Mittel zuführen, was bald Probleme bereitete. Noch mehr: Die abgezogenen Spareinlagen waren in Fremdwährungen gegangen, was die Währungsreserven der Nationalbank schwächte.

Einen Internationalen Währungsfonds, der in Notlage geratenen Staaten Kredite gewährt, gab es nicht. Österreich wandte sich an die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die 1930 dafür gegründet worden war, um die Reparationszahlungen Deutschlands abzuwickeln. Auch die Bank of England gab einen Kredit. "Man hat versucht, den Kurs zu Dollar und Pfund zu halten."
1934 wurde die Credit-Anstalt mit dem Wiener Bankverein fusioniert. Mit der Verhaftung von Louis Nathaniel von Rothschild 1938 und dessen erzwungener Auswanderung endete auch die 118-jährige Verbindung der Bank zum Hause Rothschild. Die zahlreichen jüdischen Mitarbeiter der Bank wurden eliminiert, die Aktienmehrheit der Bank ging zuerst in eine Holdinggesellschaft des Deutschen Reiches und anschließend an die Deutsche Bank über. (Johanna Ruzicka,DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

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