Eine Miezekatze ist kein Vegetarier

14. November 2008, 15:55
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Alex Nicholls, Spezialist für soziales Unternehmertum, erwartet eine Schlacht um die künftige "Seele" der Wirtschaft, wie er im STANDARD-Interview sagte

Standard: Ist ein allgemeiner Mangel an sozialer Verantwortung eine der Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise?

Nicholls: Nein, ich würde sagen, es ist eine Kombination von Ursachen: ein Mangel an Regulierung und Überblick, was das Verhalten der Finanzmärkte betrifft; die Entwicklung von unglaublich komplizierten Finanzinstrumenten, deren Risiko praktisch nicht mehr einzuschätzen war. All das hat diesen Sturm ausgelöst. Insofern Regierungen eine soziale Verantwortung gegenüber den Bürgern haben, gibt es aber schon ein soziales Element. Die Geschäftswelt durfte machen, was sie wollte, und jetzt zahlen wir den Preis dafür. Leute wie Warren Buffett (US-Großindustrieller, gilt als reichster Mann der Welt, Red.) wussten das schon vor drei, vier Jahren. Buffett bezeichnete diese Derivate als finanzielle Massenvernichtungswaffen.

Standard: Die Verfechter der freien Marktwirtschaft sagen: Der Markt regelt alles von selbst, lasst ihn also ungehindert arbeiten ...

Nicholls: (lacht) Das hat sich wohl als falsch erwiesen. Die politische Ideologie des Neoliberalismus, die 30, 40 Jahre sehr populär war, hat zu einem Desaster geführt. Und das passiert auf den Finanzmärkten regelmäßig. Wenn Sie auf die letzten 150 Jahre zurückblicken, dann gab es regelmäßig Crashes. Jetzt erleben wir wieder eine ziemlich bedeutsame Korrektur. Aber es geht mir nicht so sehr darum, die Umstände anzuprangern, die zu dieser Krise geführt haben, sondern mir vorzustellen, wie die Welt danach aussehen wird.

Standard: Und wie wird sie aussehen?

Nicholls: Das wissen wir derzeit nicht. Wir wissen nur, dass eine politische Schlacht um die künftige Seele der Wirtschaft, sozusagen, im Gang ist. Ein Lager will zu einer regierungsgesteuerten, Keynes'schen Wirtschaft zurückkehren, mit staatlicher Intervention und dem Staat als Eigentümer. Andere sagen: Nein, nein, das neoliberale Modell war schon gut, schlecht waren nur die gierigen Banker. Die Fronten formieren sich gerade, der Ausgang der Schlacht ist schwer vorauszusagen.

Standard: Wohin neigen Sie?

Nicholls: Meiner Ansicht nach muss man zu einem viel stärker regulierten, Keynes'schen Modell zurückkehren. Aber es wird sich vom Modell der 1940er-Jahre vermutlich unterscheiden, es wird ein globales sein.

Standard: Als Unternehmer soziale Verantwortung wahrzunehmen - ist das langfristig und im Sinn von Nachhaltigkeit auch wirtschaftlich vernünftig und weise?

Nicholls: Offen gesagt, ja. Und das ist das einzige Argument, das dafür spricht. Ein Gutteil des Scheiterns von sozialem Unternehmertum geht auf die Annahme zurück, dass Unternehmen etwas sein sollten, das sie nicht sind. Unternehmen sind normalerweise dann am erfolgreichsten, wenn sie Wohlstand schaffen: Sie investieren, halten sich an die Gesetze, entlohnen die Mitarbeiter angemessen, zahlen ihre Steuern und leisten damit einen Beitrag zur Gesellschaft. Das Problem, das wir in den letzten 20, 30 Jahren hatten, war die Vorstellung, dass Unternehmen andere Probleme der Gesellschaft lösen könnten. Das können sie nicht, dafür sind sie nicht ausgerüstet.

Standard: Was also ist das Hauptkriterium für soziales Unternehmertum?

Nicholls: Für mich sind Konzerne wie Miezekatzen ("pussycats" ). Miezekatzen fressen Fleisch. Von einem Konzern zu verlangen, dass er soziale Probleme löst, ist, wie wenn ich sage: Meine Miezekatze ist jetzt Vegetarier. Das ist sie nicht, sie ist ein Fleischfresser. Ein Unternehmen ist gut, wenn es tut, wofür es da ist: mit Kapital Wohlstand zu schaffen. Es ist kein Modell für bessere Gesundheitsvorsorge oder ein besseres Schulsystem, als es der Staat zustande bringt. Ist es für ein Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll, sich sozial zu verhalten? Ja - wenn das die Konsumenten, die Aktionäre und die Regierung von ihm verlangen. Aber wenn es Konsumenten und Aktionären egal ist und die Regierung ein schlechter Regulator, sollte und wird es sich nicht sozial verhalten - nur weil es nett wäre.

Standard: Könnte die Krise mehr soziales Unternehmertum fördern?

Nicholls: Schwer zu sagen. Eine kleine Geschichte dazu: Einer meiner früheren Schüler arbeitet für eine der letzten verbliebenen Investmentbanken. Als er in die Bank kam, machte er sich daran, einen Mikro-Finanzierungsfonds, also Kleinkredite für die Ärmsten, aufzubauen. Er wurde schief angeschaut: Damit hatte sich diese Bank noch nie befasst. Aber er setzte sich durch, gegen Widerstände, und machte diesen Fonds zu einem Erfolg. Seit die Investmentbank unter Druck geraten ist, kommen eine Menge Leute zu ihm und fragen: "Wie war das doch gleich mit deiner Mikrofinanz-Sache? Diese armen Leute, die zahlen ja immer, die sind ja ein sehr kleines Risiko." (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.11.2008)

 

ZUR PERSON: Alex Nicholls vom Skoll Centre for Social Entrepreneurship (Universität Oxford, England) gilt als der europäische Spezialist für sozial orientierte Unternehmen und Sozialsiegel wie etwa "Fairtrade" , das in Österreich sehr gut ankommt. Auf Einladung der Austrian Development Agency (ADA) und der Oesterreichischen Kontrollbank Gruppe sprach er jüngst in Wien

  • Alex Nicholls:
Unternehmen verhalten sich sozial, wenn Konsumenten, Aktionäre und Regierung es
verlangen
    foto: corn

    Alex Nicholls: Unternehmen verhalten sich sozial, wenn Konsumenten, Aktionäre und Regierung es verlangen

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