"Alles, nur nicht Ségolène"

14. November 2008, 16:40
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Frankreichs Sozialisten wollen Royal als Parteichefin verhindern

Pariser Karikaturisten zeichnen Ségolène Royal schon mit roter Schärpe und schwarzem Filzhut - dem Winterlook von François Mitterrand, dem sozialistischen Präsidenten von 1981 bis 1995. Er hatte den Vorsitz des Parti Socialiste (PS) als Sprungbrett in den Elysée benützt.

Doch ob Ségolène Royal beim Parteitag, der Freitagabend in Reims begonnen hat, auch nur den Parteivorsitz ergattern kann, steht noch in den Sternen. Die 55-Jährige, die sich gerne mit Jeanne d'Arc vergleicht, hat zwar vergangene Woche in einer Vorabstimmung über die Kandidatenprogramme 29 Prozent der Parteistimmen erhalten; ihre engsten Rivalen Bertrand Delanoë und Martine Aubry kamen nur auf je 25 Prozent. Diese überraschende Spitzenposition rüttelte aber nur ihre zahlreichen Gegner auf und bewirkte deren Schulterschluss.

Henri Emmanuelli, einer der „Elefanten", wie die Parteiführer genannt werden, rief Aubry, Delanoë und den viertplatzierten Chefkandidaten Benoît Hamon auf, ein Bündnis gegen Royal zu schließen. Der längst nicht mehr geheime Geheimcode dieser Verschwörer lautet „TSS" - „Tout sauf Ségolène" oder zu Deutsch „Alles, nur nicht Ségolène".

Die unterlegene Ex-Präsidentschaftskandidatin von 2007 ist in der Parteispitze, aber auch unter den über 200.000 Parteimitgliedern höchst umstritten. Einer der Gründe: Die unorthodoxe Ex-Ministerin und Mutter von vier Kindern, die sich von einer fast schon mystischen Mission beseelt fühlt, hat im Mai 2007 bereits einmal klar gegen den heutigen Staatschef Nicolas Sarkozy verloren.
Ihre Anhänger halten dem entgegen, auch Mitterrand habe mehrere Anläufe gebraucht, um den Elysée zu erobern. Doch im Unterschied zu ihm wird Royal bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2012 nochmals gegen den gleichen Rechtskandidaten antreten müssen - und das verschafft Royal einen klar Startnachteil. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2008)

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