Lockspeise für Börsenhaie

14. November 2008, 14:27
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Nur ungern befasst sich die moderne Literatur mit Krisenerscheinungen der Ökonomie: Es ist daher Zeit, Émile Zolas Roman "Das Geld" hervorzuholen

Dass die moderne Geldwirtschaft ohne weiteres literaturwürdig sei, wird niemand ernsthaft behaupten können. Das Geld, dem als dem universellen Tauschmittel obendrein der Ruch der Abstraktion anhaftet, entzieht sich noch in seiner konkretesten Ausprägung - gemünzt oder als Schein - eigensinnig dem Zugriff der Poesie.

Geld hat, wie schon Karl Marx wusste, seine „Mucken". Es schließt in seiner Eigenschaft als Währung auch solche Sphären, die im Vorhinein als völlig unzusammengehörig erscheinen, mit Leichtigkeit zusammen. Mucke schafft Möglichkeiten! Insofern aber jegliches angehäufte Kapital bloß Potenzialitäten bereithält, ist es auch nichts als bloßer Schein. Nur zum Vergleich: Poesie und Literatur münzen ihre „Werte" in konkrete Wörterfolgen um. Geld behält im Grunde seines Wesens stets eine merkwürdige, geradezu obszön zu nennende Unentschiedenheit bei. Es verhält sich daher niemals „poetisch"; aber es schließt, wie das Sprachsystem der Literatur, das fernab Liegende glorios zusammen.

Einschlägige Belletristik kann man vielleicht gerade wegen dieser strukturellen Nähe ursächlich befeindeter Systeme (Kohle oder Kunst!) mit der sprichwörtlichen Lupe suchen. Wo Geldwirtschaft obwaltet, ist die „Krise" nie fern. Andererseits sind Flüssigmittel kolossale Rutschmittel. Die (natürlich als „unaufhaltsam" beschriebene) Verarmung verzweigter Sippen eignet sich perfekt dazu, den bürgerlichen Bildungs- und Bankrottroman als modernisierungskritisches Genre zu etablieren.

Chronik der Verhältnisse

Womit wir beim wirksamsten Beispiel einer monetären Krisenstudie sind: Émile Zolas Börsenroman Das Geld, 1891 als 18. Band der Familienchronik Die Rougon- Macquart veröffentlicht, gebärdet sich als gewissenhafte Chronik unhaltbarer und auch unerbittlicher Verhältnisse.

Der unermüdliche Rechercheur stellt - unter Zuhilfenahme diverser Pappkameraden, die er aus den Tageszeitungen der damaligen Zeit herauslöst - den historischen Crash der Pariser Banque l'Union Générale als sittliches Drama der Kolportage nach. Man würdigt Zolas geradezu besessenen Willen zur Zeugenschaft erst dadurch richtig, wenn man sich die Ignoranz der damaligen Literatur vor Augen hält: Geld gab es eigentlich gar nicht. Die Romane des bürgerlichen Realismus zeigen bloß die „Charaktermasken" derjenigen, die zwar besitzen, sich aber in der Folge von Geldhyänen umstellt sehen - um daraufhin alles zu verlieren. Alte Adelige versuchen sich als gewiefte Spekulanten - und veruntreuen damit jene immateriellen „Werte", deretwegen sie überhaupt Eingang in die erzählende Literatur gefunden haben.

Nichts eignet sich besser für tragisches Eingedenken als eine ökonomisch kollabierende Klasse. Besser gesagt: Für deren nobelste Vertreter zückt der sentimentale Leser in der Sekunde das Sacktuch! Zola ist aber moderner - vielleicht auch nur gehetzter, faktenbegieriger, nüchterner.
L'argent (Das Geld) wirft bei der Wiederlektüre einige charakteristische Schlaglichter auf das allgegenwärtige Bankenkrachen. Banken raubt man nicht aus - man gründet sie, wie der Ökonomie-Dilettant Bertolt Brecht später einmal krisengewiss auszuführen wusste. Der Abenteurer Saccard besitzt mehr symbolisches Kapital, als jede heutige Spekulationsblase billig enthalten könnte. Er hat einen Plan: Ein weltfremder Ingenieur will anno 1863 die Silberminen im libanesischen Karmel-Gebirge ausbeuten. Saccard denkt sofort folgerichtig: Man gründet eine „Gesellschaft der vereinigten Dampfboote", um das Mittelmeer schiffbar, den Nahen und den Mittleren Osten ausbeutbar zu machen.

Will man aber die Transportmittelfirmen zu einem Syndikat zusammenschließen, muss man vorher das nötige Kapital auftreiben. Noch einmal: Es geht privatwirtschaftlich nichts über die Gründung einer Bank. Saccard, der Hitzkopf, brüllt es fröhlich heraus: „Jawohl, die nächste Zukunft gehört dem Großkapital, den vereinigten Anstrengungen großer Massen."

Die von ihm gemeinsam mit einem ganzen Rattenschwanz von Profiteuren ins Leben gerufene „Banque Universelle" steuert beides: Sie leistet ideologische Orientierungsarbeit - der Papst (!) soll die Verfügungsgewalt über die heiligen Stätten in Jerusalem erhalten. Und sie wirbt noch vor Gründung mit Renditen, deren Erwirtschaftung freilich in den Sternen über Paris steht. Oder, wie es Zola beschreibt: Der Luftschlosserbauer Saccard sieht ein „Traumbild am Horizont". Er sagt: „Die Spekulation ist die Lockspeise des Lebens!"

Ausgetrocknete gräfliche Witwen, sonst jeder Spekulation abhold, lassen sich dazu hinreißen, Gründungsaktien zu erwerben. Natürlich wird ein Gutteil der Einlagen nicht real bezahlt. Um den Titel auf der Börse in eine wahre Hausse zu treiben, lockt man potenzielle Anteilszeichner mit einem profitablen Agio.

Saccard, der „Herr Direktor", der sich bald Louis-Quatorze-Möbel unter das Spekulantengesäß schieben lässt, der das Lebens eines hektischen Wüstlings führt und doch die uneingestandene Zuneigung seines Autors Zola genießt, erhitzt die Firma. Er hetzt von einer Kapitalaufstockung zur nächsten. Er räumt Inhabern von Stammaktien Vorzugskonditionen ein - verabsäumt es aber darüber nicht, liegengebliebene Aktien von der Firma aufkaufen zu lassen, um die betreffenden Titel auf Scheinkonten gebucht zu führen.

Die „Banque Universelle" mästet sich mit nicht vorhandenem Kapital: Eine trockenere Einschätzung hätte man auch für die aktuelle Bankenkrise nicht finden können! Zola zieht als Kontrahenten eine Rothschild-Figur aus dem Zylinder: Saccard reibt sich bis zur Unvernunft an dem jüdischen Bankier Gundermann, der die Hausse der „Universelle"-Aktien mit der blinzelnden Trägheit eines Reptils beobachtet. Hier lässt der Autor seinen Saccard üblen Antisemitismus verzapfen - Letzterer wird dafür büßen müssen.

Schlacht ohne Erbarmen

Die Entscheidungsschlacht um das Luftschloss - die hinaufgehetzte Aktie bricht unter dem Druck der verfeindeten Börsenmakler zusammen - gehört nun zu den eindrucksvollsten Passagen eines Romans, der den tobenden Stier der Geldwirtschaft furchtlos an den Hörnern packt.

Auf die Glaskuppel des Börsengebäudes bricht grauer Regen nieder; die schmutzigen, ledernen Gesichter der Kommissäre und Spekulanten schnappen förmlich über. Zolas Schlachtenbeschreibung lotst die Kolonnen durch die Säulengänge: Es sind keine Krieger und keine Myrmidonen, sondern kalte, abstrakte Werte, die wie Heeressäulen gegeneinander ins Treffen geführt werden. In Das Geld tobt nichts anderes als der totale Krieg, geführt mit den Mitteln toter Zertifikate (Marx hätte vielleicht gesagt: den „Produkten toter Arbeit"). Nichts ist real. Aber Zola reißt noch einmal die hektisch geröteten Gesichter der „alten" Gewinnmacher aus dem Dunkel der Anonymität hervor. Fortan besitzen Bilanzen keine wiedererkennbaren Gesichter mehr.

Saccard landet, von langer Autorenhand vorbereitet, im Gefängnis. Bertolt Brecht wird später den Mechanismen des Getreidemarkts in Chicago nachsinnen, ohne doch zu verwertbaren Ergebnissen zu gelangen. Sein Schüler Heiner Müller, ein wahrer Spezialist für Katastrophen, wird feststellen: „Kapitalströme sind auf der Bühne schlechthin undarstellbar!" Die Literatur wird sich in die Boudoirs der gehobenen Mittelklasse zurückziehen. Krise wird herrschen. Es wird alles so sein wie immer. (Von Ronald Pohl/ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.11.2008)

 

Émile Zola, „Das Geld". Aus dem Französischen von Leopold Rosenzweig. € 14,00/554 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2001.

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    Émile Zola (1840-1902) war sich als Aufklärer auch für die Kolportage nicht zu schade: Mit „Das Geld" setzte er dem Phänomen der Spekulationsblase ein literarisches Denkmal.

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