Journalisten arbeiten noch wenig crossmedial

14. November 2008, 14:05
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"Medienhaus Wien" untersuchte Newsroom-Modelle in Österreich, Spanien und Deutschland - Medienkonvergenz spielt für Journalisten untergeordnete Rolle

Zeitunglesen im Internet und Fernsehen am Handy - das Verschmelzen ursprünglich getrennter Mediensparten ist zwar für Konsumenten längst Wirklichkeit, auf der Ebene der journalistischen Arbeitspraxis ist die Medienkonvergenz aber noch nicht richtig angekommen. In nur wenigen europäischen Verlagshäusern werken Print-, TV- und Onlineredakteure unter einem Dach in einem gemeinsam organisierten Workflow. Das zeigt ein Forschungsprojekt, für welches das Medienhaus Wien Newsroom-Modelle in Österreich, Spanien und Deutschland untersuchte. Die Ergebnisse wurden heute, Freitag, in Wien heimischen Branchenexperten vorgestellt.

"Mehr am Podium als in der Realität"

"Die großen Multimedia-Diskussionen finden mehr am Podium von Branchenkonferenzen statt, als in der Realität der Redaktionen", erklärten Medienhaus-Gesellschafter Daniela Kraus und Andy Kaltenbrunner im Vorfeld der Präsentation gegenüber der APA. Lediglich rund ein Fünftel der österreichischen Journalisten würden etwa derzeit bi- oder mehrmedial arbeiten.

Eine Komplettintegration ist jedoch ohnehin nicht um jeden Preis erstrebenswert. Unterschieden werden "Full Integration" (gemeinsames Gebäude und Workflowmanagement), "Crossmedia" (getrennte Sektionen aber übergreifende Zusammenarbeit) und "Koordination isolierter Plattformen" (Weitgehend getrennte Strategien). Welche Modelle sinnvollerweise implementiert werden, hängt dabei nur teilweise von den verlegerischen Interessen ab.

Wie der Forschungsartikel zeigt, determinieren insbesondere die nationalen Marktbedingungen und gesetzlichen Regulierungen den "Konvergenzgrad". In Spanien entwickelten sich demnach aufgrund der vergleichsweise geringen Beschränkungen für "Cross-Ownerships" Medienunternehmen am ehesten zu tatsächlichen Multimedia-Häusern, heißt es.

Eine Besonderheit ist, dass es in Spanien auch zur - in den beiden anderen Vergleichsländern nicht vorhandenen - Konvergenz von TV- und Print-Prozessen kommt: Bei der regionalen "La Verdad Multimedia Group" kooperieren etwa die jeweiligen Chefredakteure von Print-, Online-, Radio- und TV bei Content, Themensetzung und diversen Kostenfragen. Anders als in Deutschland und Österreich gilt in Spanien nicht der Zeitungsmarkt, sondern der früh liberalisierte audiovisuelle Sektor als starke Größe. In Österreich sei die Verschmelzung zwischen Fernsehen und Zeitung durch die späte Entwicklung des dualen Systems verhindert worden, in Deutschland sei dies durch gesetzliche Konzentrationsbeschränkungen nicht möglich, so Kaltenbrunner.

Konvergenzfrage "zentrale Problemstellung"

Aber auch die Tageszeitungen müssten sich künftig im Hinblick auf den zunehmenden Leserschwund stärker als derzeit mit Konvergenzthemen auseinandersetzen. Printausgaben von österreichischen Tageszeitungen hätten innerhalb eines Jahrzehnts in der Internet-Generation der 15- bis 40-Jährigen knapp ein Fünftel ihrer Reichweite verloren. Durch die daraus resultierenden Fragen nach Mediendiversifikationsstrategien bleibe die Konvergenzfrage für Zeitungseigentümer eine "auf lange Sicht zentrale Problemstellung".

Untersucht wurden die Tageszeitungen "Die Welt" und die "Hessisch-Niedersächsisch Allgemeine" in Deutschland, "El Mundo" und "La Verdad" in Spanien, sowie die heimischen Erscheinungen "Der Standard" und "Österreich". (APA)

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