Wirtschaftskrise in Wellen

14. November 2008, 13:26
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Sozial- und Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister warnt vor einer tiefen Depression vergleicht die Krise mit einem Tsunami

Wien - Für den Sozial- und Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister ist in der aktuellen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise ein Umdenken notwendig, und zwar weg von der "Marktreligion" hin zu Planung und Umsetzung staatlicher Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur. Die Wirtschaft könne in eine tiefe Depression rutschen, warnte der Experte, und verglich die Krise mit einem Tsunami: Die erste Welle sei schon gekommen, weitere Wellen würden in drei bis sechs Monaten folgen. Auch die "Marktgläubigen" sollten nun den Glauben an die "unsichtbare Hand" aufgeben und für staatliche Maßnahmen gegen die Krise eintreten, sagte Schulmeister Donnerstagabend bei einer Veranstaltung im "Republikanischen Club" in Wien.

Österreich drohe ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit, so der Experte. Die Unternehmen arbeiteten derzeit die Aufträge ab, bei den Auftragseingängen seien aber zweistellige Rückgänge zu verzeichnen. Durch massive Maßnahmen müsse der Staat gegen die drohenden nächsten Wellen der Krise gegensteuern, etwa durch öffentliche Aufträge, Investitionen in Bildung und Sozialstaat und Förderungen im Bereich Energie und Umweltschutz.

Drohender Absturz

Ohne staatliche Eingriffe drohe ein Absturz in die Wirtschaftsdepression, warnte Schulmeister. In Folge des drastischen Verfalls der Kurse seien die Wertpapiervermögen im vergangenen Jahr halbiert worden, in Österreich sei der Verfall des ATX noch drastischer ausgefallen. Auch im Rückgang der Inflation sieht der Ökonom keinen Trost: Die sinkenden Rohstoffpreise würden die rohstofffördernden Länder weiter hinunterziehen.

Die Krise sieht der Ökonom nicht als Kreditkrise, die durch die leichtfertige Vergabe von Krediten an US-Hausbesitzer verursacht wurde, sondern er analysiert den Prozess, der zur Krise geführt hat: Aus dem "Realkapitalismus" nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich ab den 70er Jahren der "Finanzkapitalismus" entwickelt, nach dem Motto "Lass dein Geld arbeiten". Dass immer mehr Akteure, auch große Industrieunternehmen, mit ihrem Kapital spekulierten statt es zu investieren, habe zur aktuellen Krise mit beigetragen.

Spekulationen gestiegen

Die Spekulationen seien drastisch angestiegen bis zum Zig-fachen des Weltwirtschaftsaufkommens, alleine an der deutschen Derivatebörse wurde das 70-fache des deutschen Bruttoinlandsprodukts gehandelt. Die Illusion des "arbeitenden Geldes" sei aber geplatzt. Dass nun von den großen Akteuren wie Superfund hochprofitabel auf sinkende Kurse spekuliert werde, trage zum weiteren Kursverfall bei. Zur Eindämmung von Spekulationen fordert Schulmeister eine Finanztransaktionssteuer, die vom Umsatz der Transaktion berechnet werden soll.

Die notwendige Neuorientierung weg von der "Marktreligion" hin zu staatlichen Steuerungen und Eingriffen werde bei den Ökonomen und Politikern in Europa möglicherweise zu spät kommen, fürchtet Schulmeister. Wenig Scheu vor staatlichen Interventionen hätten aber China und die USA: China habe trotz nach wie vor recht hohem Wachstum ein milliardenschweres Konjunkturpaket geschnürt, um schon jetzt den Folgen der Krise gegenzusteuern. In den USA werde der Marktglaube zwar "in Sonntagsreden gepredigt", am Montag werde dann aber '"interveniert auf Teufel komm raus", verwies Schulmeister auf das staatliche Bankenrettungspaket, Verstaatlichungen und Abschottungen der US-Märkte gegenüber ausländischen Investoren. (APA)

 

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