Aufholprozess in Osteuropa abrupt abgebremst

13. November 2008, 19:36
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Die Krise hat Ost- und Südosteuropa erreicht. Dies bekommt auch Österreich zu spüren, das mit seinen Banken die Transformation der Wirtschaften finanzierte

Wien - Osteuropäische Staaten wie Rumänien, Bulgarien und Ungarn zählen laut einer Merrill-Lynch-Untersuchung zu den am meisten verletzbaren Volkswirtschaften. Diese werden die aktuelle Finanzkrise besonders deutlich zu spüren bekommen.

Lange Zeit hatten die Volkswirtschaften im Osten und Südosten gehofft, dass sie kaum von der globalen Finanzkrise betroffen sein würden. Argumentiert wurde dies damit, dass die jeweiligen Finanzmärkte vergleichsweise weniger stark entwickelt und deshalb auch weniger involviert in internationale Abwärtstendenzen seien. Mittlerweile, so die Merrill-Lynch-Untersuchung, ist diese Hoffnung verpufft. Die hohe Kreditaufnahme, im Vergleich zum Bruttonationalprodukt, macht die Volkswirtschaften verletzlich. In gar nicht wenigen Fällen (Ungarn, Rumänien, aber auch Slowakei) kommt dazu, dass im Privatbereich umfangreiche Fremdwährungskredite aufgenommen wurden. Mit hohen Abwertungen wie beim ungarischen Forint wird nun das hohe Wechselkursrisiko schlagend, und zwar sowohl zum Schweizer Franken als auch zum Euro. Auch in der Ukraine sind mehr als die Hälfte aller Kredite im Fremdwährungsbereich gehalten, so eine aktuelle Analyse der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.

Euro-Diskussionen


Ein Land, das die aktuelle Krise bis dato relativ unbeschadet umschiffen konnte, ist Polen (siehe Grafik); lediglich die Immobilienpreise sind etwas hinuntergegangen. Das Wachstum des Landes war bisher vor allem von Nachfrage am Heimmarkt getrieben; aufgrund einer maßvollen Auslandsverschuldung und einer hohen Sparquote hat sich der Finanzsektor bisher wenig verletzlich gezeigt. Angenommen wird jedoch, dass die Finanzkrise die Diskussion um eine Einführung des Euro in Polen ankurbeln wird.

In der Slowakei, die zwei Monate vor der Euro-Einführung steht, hat sich die Inflation heuer sogar verlangsamt, und zwar auf 5,1 Prozent. Erwartet wird jedoch, dass der private Konsum stark nachlässt. Die Situation am slowakischen Arbeitsmarkt wird nach den Entspannungen der vergangenen zwei Jahre wieder ernster; nicht zuletzt aufgrund der angekündigten Entlassungen in den slowakischen Autowerken.

Die Analysten von Merrill Lynch streichen hervor, dass sich entwickelnde Länder eine geringere Kapazität haben, sich dem schlechteren Wirtschaftsumfeld anzupassen als reichere. Das Wirtschaftswachstum werde sich verlangsamen, die Exporte und insbesondere ausländischen Direktinvestitionen (FDI) werden zurückgehen. Erwartet wird, dass sich Konsum und Investitionen einbremsen werden.

Österreich-Engangements


Der internationale Währungsfonds (IWF) betrachtet die österreichischen Banken aufgrund ihres Engagements in Osteuropa (wo 80 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts investiert sind) längst nicht mehr für sich allein stehend, sondern gleichsam als "Einheit mit dem Osten"; Österreichs Wirtschaft stehe und falle mit jener Osteuropas, so ein IWF-Experte. "Österreich wird von außen nicht mehr isoliert betrachtet."

Seit Jahren sei es "der Refrain" des IWF und der Aufsichtsbehörden gewesen, auf diese Abhängigkeit kritisch hinzuweisen - immerhin sei das Ost-Engagement Österreichs zehnmal so groß wie jenes im EU-Durchschnitt. Der Währungsfonds habe seit Jahren Diskussionen mit Österreich über das "Über-Engagement der Wirtschaft im Osten geführt", das neben den Vorteilen wie Wachstum, Diversifizierung und Arbeitsplätze auch den Nachteil geborgen habe, dass "Österreichs Wirtschaft verletzlicher wurde". In Zeiten des Erfolgs sei man mit diesen Warnungen aber "auf taube Ohren gestoßen".

Langsam reagiert

Herbert Stepic von Raiffeisen International (RI) etwa werde zwar auch in Washington als "Pionier Osteuropas" wahrgenommen - seine legere Auskunft "no fun without risk" in einem Interview mit der Financial Times vor einiger Zeit sei denn aber doch als "Hybris" interpretiert worden. Zudem habe RI in der jetzigen Situation langsam reagiert: Während UniCredit/Bank Austria ihren Filialausbau im Osten schon vor Wochen gestoppt habe, sei die diesbezügliche Entscheidung der RI erst jetzt gefallen.

Einen Rückzug der Österreicher aus dem Osten erwarte man angesichts der Enge und Ausgereiztheit des Heimmarkts nicht, die Bankmanager müssten aber entscheiden, "ob sie wirklich in allen Ländern bleiben wollen. Es wird ganz sicher Anpassungen geben müssen", so der Experte.

Er kritisiert auch die österreichische Politik, "die nicht sieht, dass Österreich international als Einheit mit Osteuropa gesehen wird - und dass dort gerade eine Krise Platz greift und die Probleme auch noch viel größer werden". Die Budgetpolitik der vergangenen Jahre sei viel zu expansiv gewesen, "man hätte längst für die Risiken in Osteuropa vorsorgen müssen".

Die größte Gefahr drohe von den Fremdwährungskrediten, die im Osten massiv verkauft wurden und die sich jetzt niemand mehr leisten könne, erklärt der Experte. (gra, ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2008)

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    Eine ukrainische Pensionistin bekommt eine Mindestrente von 366 Hrywnja, umgerechnet 57 Euro. Eventuelle Ersparnisse hat die Generation mit der Inflation nach dem Zerfall der Sowjetunion verloren.

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