Rosarotes Tschechow-Telegramm

13. November 2008, 17:59
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"toxic dreams" bringen Tschechows "Onkel Wanja" als Oper ins brut im Künstlerhaus - "Pink Vanja"

Wien - Wenn man bei Tschechow die Langeweile abzieht, wird's dann spannender? Ja, wenn man es so macht wie Yosi Wanunu und seine Performancegruppe toxic dreams. Diese interessiert sich im Fall von Onkel Wanja nicht mehr für den Ennui der russischen Provinz und den dort in vielen vorangegangenen fabelhaften Inszenierungen erzeugten tosenden Stillstand. Schluss mit dem melancholischen Warten auf ein besseres, würdevolleres, erfüllteres Leben, jetzt wird gesungen!

Onkel Wanja, jenes Stück, in dem der um eine jugendliche Gattin aufgewertete Professor am Landgut seiner Verwandten aufkreuzt und dort mit selbiger Dame sowie seinen schamlosen Ansprüchen den Haussegen ins Schleudern bringt, heißt bei Wanunu Pink Vanja und ist eine auf die emotionale Gemengelage fokussierende Oper. Das Libretto ein englischsprachiges Destillat des auf lediglich fünf Charaktere reduzierten Drameninhalts.

Diese Figuren begegnen einander bloß als Stimmen; sie queren als abstrahiertes Dramenpersonal und unter zarten darstellerischen Nuancierungen ihrer Rezitatoren die rosarote Bühne. Angeleitet von einem mitteilsamen Master of Ceremony (Anna Mendelssohn), der bei den wenigen Handlungen gut und gern die betreffenden Körper zurechtrückt.

Regisseur Wanunu hat sich dafür erstklassige Musiker und Sänger geliehen, darunter Martin Siewert, Maja Osojnik, Martin Brandlmayr und - als Komponisten - Michael Strohmann. Jeannie Mayr, Cezary Tomaszewski, Alexander Braunshör, David Prohaska und Irene Coticchio bringen dieses zu einer aberwitzigen Farce umgedeutete Tschechow-Telegramm in den schönsten Disharmonien zum Klingen.

Die Methode erinnert an den New Yorker Garagentheaterkünstler Richard Maxwell, der die durch Sprache erzeugte Bühnenrealität programmatisch ins Singen hinüberkippen ließ. Im Februar wird er übrigens mit einer Ode to the man who kneels im brut zu Gast sein. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2008)

  • Artikelbild
    foto: barbara pálffy
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