"Anatolischer Schwabe" gegen Merkel

13. November 2008, 17:56
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Deutsche Grüne rüsten sich mit neuem Chef Özdemir für die Rückkehr an die Macht - Parteitag beginnt am Freitag - Startschuss für Bundestagswahlkampf

Die traditionellen Sonnenblumen stehen schon bereit, auch die grüne Dekoration. Wenn sich die deutschen Grünen ab  Freitag drei Tage lang zu ihrem Parteitag in Erfurt treffen, geben sie damit den Startschuss für den Bundestagswahlkampf. Ihr Traum: im September 2009 so stark zu werden, dass es wieder für ein rot-grünes Bündnis oder zumindest für eine Ampel (SPD, Grüne, FDP) reicht und Angela Merkel als Bundeskanzlerin abgelöst wird.

Dafür stellen sie sich auch personell neu auf. Neben Claudia Roth wird künftig Cem Özdemir die Partei führen, er löst Reinhard Bütikofer ab. Mit der Wahl Özdemirs feiern die Grünen deutschlandweit eine Premiere: Er wird der erste Parteichef in Deutschland mit Migrationshintergrund sein. Als „anatolischer Schwabe" bezeichnet sich der Sohn türkischer Einwanderer aus Baden-Württemberg, der nun zum zweiten Karrieresprung bei den deutschen Grünen ansetzt, selbst.

Von 1998 bis 2002 war der heute 42-Jährige innenpolitischer Sprecher der Ökopartei, dann stolperte er über einen günstigen Kredit, den ihm ein PR-Mann gewährt hatte, ebenso über privat genutzte Bonus-Meilen aus Dienstreisen. Danach war er EU-Abgeordneter.
Die Rückkehr in die deutsche Bundespolitik macht ihm die Grüne Basis nicht leicht. Da seine Co-Chefin Roth im Bundestag sitzt, wollte Özdemir auch ein Mandat. Doch die Grünen in Baden-Württemberg verweigerten ihm einen aussichtsreichen Listenplatz.

Misstrauen gegen Özdemir herrscht nicht nur wegen der Affären aus dem Jahr 2002. Özdemir gilt als treuer Anhänger von Joschka Fischer. Und so manche Aussage des Pragmatikers Özdemir passt der linken Basis nicht. So meinte er, dass sich die Hessen-Grünen auch der CDU nicht verschließen sollen. Außerdem ließ er durchblicken, dass er sich durchaus neue Kohlekraftwerke vorstellen könne. Das war auch nicht im Sinne der Fraktionschefs Renate Künast und Fritz Kuhn. Sie wollen im Wahlkampf gegen die von Merkel geplante Abkehr vom rot-grünen Atomausstieg mobil machen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2008)

  • Özdemir soll als erster Immigrant in Deutschland eine Partei führen.
    foto: ajp photo/daniel roland

    Özdemir soll als erster Immigrant in Deutschland eine Partei führen.

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