Es war, und es war einmal schön: "Chinese Democracy"

13. November 2008, 17:44
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Nach 17 Jahren Anlaufphase, psychischen Zusammenbrüchen, Betty Ford, Designermedizin und anderen Widrigkeiten meldet sich Axl Rose mit seiner Band Guns N’Roses zurück

Wien - Man muss da jetzt ein wenig ausholen. Geschichte beinhaltet theoretisch ja immer auch die Möglichkeit, mit ihr fertigzuwerden. Im besten Fall macht man sie mit gebührendem zeitlichen Abstand dann überhaupt fertig - und geht voran Richtung bessere Zeiten. In diesem Zusammenhang auch immer wieder gern gebraucht, eine Weisheit des deutschen Schriftstellers Wilhelm Genazino aus seiner Abschaffel-Trilogie: "Ein Schallplattenspieler war kein gutes Gerät. Es brachte den Menschen dazu, sich immer wieder dieselben Lieder anzuhören."

Mitte Juni 2006 also gab die berühmte und heute im Wesentlichen nur mehr aus Sänger Axl Rose bestehende US-Band Guns N'Roses ein denkwürdiges Konzert im burgenländischen Nickelsdorf. Vor 50.000 Besuchern läutete man während der Geisterstunde am letzten Tag des Novarock-Festivals den reichlich verspäteten Kehraus einer Ära ein. Nennen wir diese die späten 80er- und frühesten 90er-Jahre.

Damals regierten Guns N'Roses mit ihrer Mischung aus Pudelfrisuren, angestochenem Gesang, greinenden Gitarrensoli und toxisch auffrisiertem Hardrock die Welt. Die Rede ist von Sweet Child O'Mine und Welcome To The Jungle. Vor allem aber muss man Use Your Illusion I & II erwähnen, ihr ausuferndes und maßloses und mit Hits wie November Rain oder To Live And Let Die vollgestelltes Opus magnum und Zweifachdoppelalbum von 1991. Es durfte in keiner sich damals dem rasanten Fortschritt namens Techno und schlankmachenden Drogen mit Dosenbier und schlechtem Geschmack verweigernden studentischen Wohnstube fehlen.

Nirvana galt zu dieser Zeit noch eher als Zustand denn als Band. Kurt Cobain hatte noch keine heroinsüchtig machenden Magenschmerzen. Grungerock war auch noch ein Undergroundphänomen, das erst zwei, drei Jahre später dem Pudel-Metal den Garaus machen sollte. Und Axl Roses billig erworbene Tätowationen wurden auch noch nicht als gesellschaftliches Must bei Brokern und Billa-Regalschlichtern eingefordert.

Kurz, es war eine liebe Zeit! Und Axl Rose war böse. Die Guns N'Roses waren im Rock'n'Roll zu dieser Zeit schlicht und einfach das asoziale Nonplusultra. Wer es genauer wissen will: Im unfassbar dekadenten musikliterarischen Standardwerk The Dirt: Sie wollten Sex und Drugs und Rock'n'Roll. Die aberwitzige Geschichte von Mötley Crüe kann man zum Thema "Verfeindete Bands" , also Guns N'Roses, schöne klare Sätze zur verwunschenen Zeit nachlesen. Von wegen: "Wir hatten damals oft kein Geld für Drogen oder Gitarrensaiten. Aber für Haarspray und Makeup war immer Kohle vorhanden."

Millionenfach vergoldet, oversexed, überdosiert und überfordert ging das Unternehmen Guns N'Roses bald den Weg des Heroins und Kokains. Und als das zu schwach wurde, Richtung Crack. Nichtsdestotrotz nahm die auseinanderfallende Band vor nunmehr 16, 17 Jahren nach den zart-unerheblichen Punk-Coverversionen von The Spaghetti Incident? aus 1993 ein neues Album in Angriff.

Dieses zählt seit eineinhalb Dekaden und wegen eines mittlerweile verbrannten Studiobudgets von mehr als zehn Millionen US-Dollar zu den großen Lachnummern der Popgeschichte. Zwar präsentierte Axl Rose mit den 2006 neuaufgestellten Guns N'Roses damals in Nickelsdorf "schon" neues, das Publikum eher verstörendes denn überzeugendes Material wie There Was A Time oder Madagascar; schwülstig-barocke Behauptungen der eigenen ungebrochenen Dringlichkeit im Zeichen von Midtempoballade und Streicherschmelz. Zu hart mit dem Hörer ins Gericht gehenden Gitarren im Refrainteil. Und Rose kündigte die Veröffentlichung von Chinese Democracy rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft an. Weihnachten findet jetzt allerdings doch erst mit zweijähriger Verspätung statt.

Designermedizin

Nächste Woche wird es ernst. Die CD liegt im Büro. Ich schwöre! Die 14 neuen Songs von Chinese Democracy im Vertrieb des Konzernmultis Universal sollen nicht nur die Rente des dank Betty Ford, Haarimplantaten und Designermedizin zumindest äußerlich halbwegs rüstigen, aber doch erheblich abgelebten Mittvierzigers sichern.

Wir hören ranschmeißerische Tracks wie den irgendwie ideologische Fundamentalismen, das Golfengagement der USA, Musik aus dem Computer und die gesellschaftliche Ausgrenzung von Gitarrensoli bekämpfenden Track Riad N' The Beduins. Es setzt eine beinharte US-Analyse namens I.R.S.. Catcher In The Rye wirkt literarisch belesen, die philosophische Grundbefindlichkeit von Prostitute erstaunlich. Axl Rose will es also noch einmal wissen.

Dass er dafür heute keinen Ausnahmegitarristen wie Slash mehr zur Hand hat, wird mit insgesamt fünf Saitenwürgern exzessiv ausgeglichen. Mehr ist mehr. Produziert wurde das Werk von insgesamt sechs Personen. Die waren vor allem mit der früher schneidenden, heute rostigen Stimme von Axl Rose beschäftigt. Oder deren unauffällige Einbettung in breite, durch Kompressor- und Distortion-Effekte gesättigte Songs. Die schätzt man sonst auch in Abspännen amerikanischer Superhelden-Filme wie Terminator oder James Bond. Das Völlegefühl bleibt. Aber der Westen konnte gerade noch einmal gerettet werden.

Inhaltlich wie stimmlich ist dies ein Album der Gebrochenheit geworden. "Früher" muss in diesem Fall als hohe Messlatte gesehen, das Bestemmen auf Virilität in einer sich frech verändernden Welt als erster Wesenszug vor allen anderen vermerkt werden. Nichts ist, wie es war. Aber wie schön doch, wenn es nur einmal noch kurz wie früher sein könnte! "If I could turn back time" , singt Cher in einem alten Schlager. Neulich auf ATV in Mondsüchtig, einem alten Film mit ihr, kam der schön-verzweifelte Satz: "Jemand soll bitte einen Witz erzählen!" Niemand lachte. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2008)

 

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    "The only thing to fear is fear itself."  Axl Rose und seine neuaufgestellten Guns N’Roses wollen es doch noch einmal wissen. Nächste Woche erscheint ihr neues Album "Chinese Democracy".

     

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    foto: bohdan warchomij

     

     

     

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