ORFler an Stiftungsräte: "Krise ist nur die halbe Wahrheit"

13. November 2008, 17:59
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Programmreduktionen, Investitionsstopps und Nulllohnrunden "ruinieren" den ORF - Protest-E-Mail im Wortlaut

Eine anonyme "Gruppe von ORF-Mitarbeitern" hat sich mit einem Protest-E-Mail an alle Stiftungsräte des ORF gewandt. Dass die Finanzkrise an dem 100-Millionen-Minus schuld wäre, "ist nur ein Teil der Wahrheit: Selbst einfache Programmvorhaben wie Olympia oder Euro konnten heuer nur noch aus Rücklagen finanziert werden." Programmreduktionen, Investitionsstopps und Nulllohnrunden "ruinieren" den ORF.

Das E-Mail stellt dem unter anderem "hohe Abfertigungen an aktive Direktoren" und ihre "teuren, nicht notwendigen Dienstreisen" gegenüber, "sündteure Doppelgleisigkeiten" und "exorbitant erhöhte" Drehtage in der ORF-Information, den "Sondervertrag" für den Kommunikationschef, Verkauf des Rosenhügel in der Immobilienpreisflaute. (fid/DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2008)

Protest-E-Mail im Wortlaut

"Sehr geehrte(r) Frau/Herr Stiftungsrat!

Wir sind eine Gruppe von ORF-Mitarbeitern, die sich heute vertrauensvoll an Sie wendet. In dieser Form ist das notwendig, weil uns Repressalien angekündigt wurden. Wir müssen aber in dieser Form auf gravierende Missstände im ORF-Management hinweisen.

Den Medien entnehmen wir, dass das Defizit für 2008 den für uns unvorstellbaren Betrag von 100 Millionen Euro erreicht haben soll. Zahlen, die von der Kaufmännischen Direktorin der Öffentlichkeit wochenlang verschwiegen worden sind. Und der Generaldirektor, immerhin neun Jahre Kaufmännischer Direktor, schaut zu und deckt diese Vorgehensweise. Dass die Finanzkrise daran schuld sei, ist nur ein Teil der Wahrheit. Selbst einfache Programmvorhaben wie Olympia oder Euro konnten heuer nur noch aus Rücklagen finanziert werden.

Die Reaktion darauf ist falsch: Programmreduktionen, Investitionsstopps und Null-Lohnrunden können nicht die Lösung sein, da diese das Unternehmen in seiner Entwicklung ruinieren werden. Umso unverständlicher sind uns diese Vorgänge, wenn man bedenkt, wie mit Geldern im ORF-Management derzeit umgegangen wird:  

  • Warum werden Liegenschaften (Rosenhügel) in Blitzaktionen veräußert (in Zeiten, in denen Immobilien keine guten Preise erzielen), ohne die Aufsichtsgremien zu informieren?
  • Warum werden Direktorengehälter erhöht und hohe Abfertigungen an aktive Direktoren bezahlt, während man in der 'arbeitenden' Belegschaft massiv einspart?
  • Warum werden Drehtage in der TV-Information in Zeiten von Einsparungen exorbitant erhöht und offenbar nicht kostenbewusst gesteuert?
  • Warum wird in der TV-Information ein sündteures System von Doppelgleisigkeiten geduldet, das viele teure Führungskräfte schafft, und damit die Produktion enorm verteuert?
  • Warum fahren Direktoren auf teure, nicht unbedingt notwendige Dienstreisen quer durch Europa (zum Beispiel Informations-Direktor Oberhauser nach Moskau?)
  • Warum findet die Programmpräsentation in Zeiten schwerer Finanznöte erstmals nicht im leerstehenden Studio 1 des ORF-Zentrums sondern in der teuren Hofburg statt?
  • Warum erhält der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit einen Sondervertrag, der weit über das dafür im ORF-Gehaltsschema vorgesehene Entgelt hinausgeht (laut Medienberichten 200.000 Euro)?
  • Warum duldet der Allein-Geschäftsführer offenbar seit Wochen Anschuldigungen gegen einen Top-Manager des Hauses, der Spesenabrechnungen fingiert und Luxus-Dienstreisen zu Festspielen unternommen haben soll?

Das sind nur einige der Punkte, die derzeit unser Haus beschäftigen. Und die - so hoffen wir - auch Sie, liebe Stiftungsräte, beschäftigen werden. Es liegt an Ihnen, gemäß Ihrer Aufsichtsfunktion, diese Fragen zu stellen. Uns werden Sie nicht beantwortet.

Und noch mehr: Wie es scheint, gibt es keinerlei Konzept und Strategie, wie die Finanzprobleme unseres ORF von dieser Geschäftsführung gelöst werden könnten. Wir vertrauen auf Sie!"

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