U-Boot-Unglück: Matrose verantwortlich

13. November 2008, 14:39
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Soll Feuerlöschsystem ohne Anweisung ausgelöst haben - 20 Personen sind daraufhin erstickt - Kameraden und Verteidigungsexperten bezweifeln Schuld

Moskau - Nach dem Gasunglück an Bord des russischen Atom-U-Boots "Nerpa" mit 20 Toten machen die Behörden ein Besatzungsmitglied für das Drama verantwortlich. Ein Matrose habe ohne Grund das Feuerlöschsystem des Unterseeboots ausgelöst, teilte eine Untersuchungskommission nach Angaben der Nachrichtenagentur RIA Nowosti mit. Der Mann habe sein Fehlverhalten bereits zugegeben. Unabhängige Verteidigungsexperten und Kameraden des Beschuldigten befürchten dagegen, dass der Matrose als Sündenbock herhalten muss. Die Opfer der "Nerpa" sind erstickt, nachdem das von der Löschanlage freigesetzte Gas Freon der Luft den Sauerstoff entzogen hatte.

"Die Untersuchungen haben ergeben, dass ein Matrose das Feuerlöschsystem ohne Anweisung und ohne ersichtlichen Grund ausgelöst hat", sagte der Sprecher der Untersuchungskommission, Wladimir Markin. Allerdings setzten die Ermittler ihre Arbeit noch fort. Gegen den Matrosen wurde den Angaben zufolge ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet worden. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft. Das Verteidigungsministerium in Moskau rief dagegen dazu auf, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Ein Offizier der "Nerpa" nahm seinen Kameraden in Schutz. "Wir glauben nicht, dass er bewusst oder aus Versehen das Feuerlöschsystem ausgelöst hat. Ich diene schon lange mit ihm, seit 2003. Er war kein Anfänger, sondern ein kompetenter Spezialist", sagte der Offizier, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur Interfax. Er glaubt, dass der Matrose unter Druck gesetzt worden sei, um ein Geständnis abzugeben.

Sündenbock

"In Russland gibt es immer die Neigung, einen Sündenbock zu suchen", sagte der Verteidigungsexperte Pawel Felgenhauer der Nachrichtenagentur AFP. Ursache für die meisten dieser Unglücke sei der Mangel an qualifiziertem Personal seit dem Ende der Sowjetunion. Alexander Golz, Verteidigungsfachmann beim Magazin "Jeschednewni Journal", nannte es "absolut unfair", dass ein einzelner Matrose an dem Drama schuld sein solle.

Defekte Gasmasken

Medienberichten zufolge könnten auch defekte Gasmasken für eine große Zahl der Toten verantwortlich sein. Die Boulevardzeitung "Twoi Den" zitierte den Offizier Jewgeni Owsjannikow, dessen Maske nur "sieben bis 15 Minuten" funktioniert habe. Ein anderer Überlebender, Dmitri Usachjow, sagte, einige der Toten seien mit aufgesetzten Gasmasken gefunden worden. "Die Masken haben einfach nicht funktioniert", sagte Usachjow dem Blatt.

Bei dem Unglück am vergangenen Samstag im Japanischen Meer sind  bei einem Testlauf der "Nerpa" 20 Menschen ums Leben gekommen und 21 verletzt worden. Es war der schlimmste U-Boot-Unfall in Russland seit der Katastrophe auf der "Kursk", bei der vor acht Jahren 118 Personen starben. Generalstabschef Nikolai Makarow bezeichnete die "Nerpa" am Mittwoch dennoch als "voll einsatzfähig". Das Schiff werde nun endgültig zur Nutzung durch die Marine zugelassen. Russische Medien, darunter die Zeitung "Kommersant", hatten berichtet, das U-Boot habe ursprünglich an Indien verkauft werden sollen. (APA)

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