Al Kaidas kleine Brüder

13. November 2008, 16:31
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Die Shabab-Milizen kämpfen gegen die äthiopischen Besatzer, die Übergangsregierung und westlichen Einfluss - Und sie gewinnen immer mehr an Boden

Ungeschickte PR-Arbeit, so viel steht fest, kann man Somalias junger Garde des Islamismus nicht vorwerfen. Als das US-State Department die Shabab-Milizen Ende Februar auf die Terrorliste setzte, reagierten diese mit unverhohlener Freude. So würden sich noch mehr junge Leute aus dem Ausland ihrem Kampf anschließen, jubelte einer der Führer der mehrere tausend Mann starken Truppe. Ihr Kampf, das ist der Widerstand gegen alles, was von außen kommt, die äthiopischen Truppen im Land, westliche Einrichtungen, Hilfsorganisationen, Nicht-Muslime.

Ihre Ziele: der Abzug der Äthiopier und die Umwandlung des bisher weitgehend von Clans beherrschten Landes in einen islamischen Gottesstaat, in dem die Sharia-Gesetzgebung angewandt wird. „Diese Milizen sind der ganz harte Kern der militanten Islamisten, die um jeden Preis den westlichen Einfluss aus Somalia fernhalten wollen", erklärt Volker Mathies, Somalia-Experte und emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Auch die Übergangsregierung in Mogadischu, die nach Jahren des Chaos für neue politische Strukturen sorgen soll, geriet in das Visier der Milizen, die Mathies als "kleinen Bruder der Al Kaida" bezeichnet. Diese seinen "eine brutale Extremistengruppe mit Verbindungen zu Al Kaida", hieß es in der Begründung Washingtons, die Somalis fortan genauer zu beobachten.

Eritrea fördert die Milizen

1998 gründete Hassan Dahir Aways, der im Somalia der Barre-Diktatur Armeeoberst war, eine radikale Splittergruppe innerhalb der Union islamischer Gerichte (UIG), die 2006 weite Teile des seit Anfang der Neunzigerjahre faktisch unregierbaren Landes am Horn von Afrika unter ihrer Kontrolle hielt. Al-Shahab, arabisch für "die Jugend", war der militante Arm der UIG und umfasste etwa 400 meist streng religiös indoktrinierte Jugendliche. Als die UIG Anfang 2007 von den äthiopischen Interventionstruppen entmachtet wurde und die wichtigsten Protagonisten ins benachbarte Eritrea flohen, erklärten sich die "Jungen" zum Kampf gegen die neue Ordnung bereit. Heute wird ihre Zahl auf etwa 7.000 geschätzt. Ein großer Teil der Kämpfer rekrutiert sich aus Veteranen der Schlacht um Mogadischu, die den UIG im vergangenen Frühling den Sieg über die bis dahin herrschenden Warlords in der Hauptstadt brachte. Die Shabab-Milizen sollen aber auch Gleichgesinnte aus anderen Ländern in ihren Reihen haben, die mit einem sechswöchigen Basiskurs samt Intensivtraining in Eritrea kampftauglich gemacht werden.

Seit ihrer Gründung gelten die Shahab-Milizen zudem als besonders gut ausgerüstete und hoch motivierte Eliteeinheit der somalischen Islamisten. Als wichtigster finanzieller und logistischer Förderer fungiert das Nachbarland Eritrea, das sich seit Jahren mit der regionalen Macht Äthiopien, von dem es sich 1993 abgespalten hat, blutige Grenzscharmützel liefert. "Eigentlich sind die Kämpfe in Somalia nichts anderes als ein Stellvertreterkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien", sagt Volker Mathies. Tatsächlich wirken die Terrorattacken der Shabab-Milizen wie einem Lehrbuch für Guerillakrieger entnommen, Selbstmordanschläge inklusive. Im Mai töteten Bomben, die ein US-Kampfjet über den zentralsomalischen Dorf Dusamareb abwarf, den Shahab-Anführer Aden Hashi Ayro. Der 30-Jährige lernte sein Handwerk in den Al Kaida-Terrorcamps in Afghanistan, wohin Shabab-Gründer Hassan Dahir Aways ihn mitgenommen hatte.

Eroberungen

Sein Nachfolger Mukhtar Robow verzeichnete im August einen strategisch äußerst bedeutsamen Sieg, als Shabab-Milizen die Hafenstadt Kismayo im Süden Somalias von regierungstreuen Clans, die sie im Jänner 2007 vertrieben hatten, zurückeroberten. Drei Tage heftigen Kampfes und mindestens 89 Tote später begannen die Shabab damit, die übrig gebliebene Bevölkerung zu entwaffnen, um ihre dezimierten Waffenarsenale wieder aufzustocken. Zuletzt haben Kämpfer der Shabab-Milizen in den vergangenen Tagen mehrere Orte erobert, die zuvor zumindest nominell unter der Kontrolle der von den UNO unterstützten Übergangsregierung standen, darunter die Stadt Al-Dheer in der Mitte des Landes und die Ortschaft Qoryoley im Süden sowie die 90 Kilometer von Mogadischu entfernt gelegene Hafenstadt Merka.

Während weite Teile der Somalis laut Politologe Mathies der anti-äthiopischen Kampagne der Shabab positiv gegenüberstehen, "können die meisten mit ideologisch indoktriniertem Islam nichts anfangen." Und wenn Anschläge auch zivile westliche Hilfsorganisationen treffen, sinke das Ansehen der Islamisten weiter. Dass die äthiopischen Besatzer mit ihrem teils äußerst brutalen Vorgehen gegen die somalische Zivilbevölkerung den Shabab-Milizen weiter Auftrieb gewähren, gilt als ebenso sicher. Was die Shabab-Milizen unter islamischer Gesetzgebung verstehen, wurde Anfang November im eben erst eroberten Kismayo offensichtlich. Ein 13-jähriges Mädchen wurde dort laut Al Jazeera-Bericht vergewaltigt, Shabab-Milizen ließen es "zur Strafe" vor den Augen hunderter Schaulustiger steinigen. (flon/derStandard.at, 13.11.2008)

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    Ein Shabab-Milizionär bei der Arbeit.

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