Matura: Aus alt mach neu

13. November 2008, 14:33
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Geht es nach Unterrichtsministerin Schmied, soll es an allen AHS ab 2013/2014 eine neue Art der Reifeprüfung geben: dreiteilig, kompetenzorientiert und zentral erstellt

"Von den Texten her ist es billig, eine gute Note zu bekommen", meint der 17-jährige Stefan vom Wiener Gymnasium am Wiedner Gürtel zur neuen, teilzentralen Reifeprüfung. Seine Schule führt als eine von 60 österreichischen Schulen seit vergangenem Jahr die "standardisierte Matura" als Pilotprojekt im Fach Englisch durch. Stefan und seine KollegInnen aus der achten Klasse schreiben bereits Schularbeiten nach dem neuen System um auf alles vorbereitet zu sein, wenn es vor dem Sommer schließlich ernst wird.

Laut Unterrichtsministerium soll die "teilstandardisierte, kompetenzorientierte Reifeprüfung" ab 2013/2014 an allen österreichischen AHS realisiert werden und aus drei voneinander unabhängigen Modulen bestehen: einer so genannten "vorwissenschaftlichen Arbeit", Klausuren und einer mündlichen Prüfung. Wirklich zentral erstellt werden nur die Aufgabenstellungen des schriftlichen Teils.

Neuland für Lehrer und Schüler

Gab es bisher die Möglichkeit im Zuge der Matura freiwillig "Fachbereichsarbeiten" zu schreiben, soll nach dem neuen Konzept jeder Maturant eine "vorwissenschaftliche Arbeit" verfassen. Diese Arbeit kann in jedem Pflichtgegenstand geschrieben werden, die Themen werden von den Lehrern vergeben.

Für den schriftlichen Teil wird es einen einheitlichen Termin in ganz Österreich geben, dabei können die Schüler in drei oder vier Fächern antreten. Die Aufgabenstellungen werden zentral erstellt, die Korrektur und Beurteilung erfolgt aber nach einem Korrekturschlüssel von den Lehrern. Klaus Peters, Lehrer für Englisch und Geschichte am Wiedner Gymnasium, sagt mit einem Augenzwinkern, er finde die neue Benotung super: "Es geht viel schneller. Beim Kreativteil hat der Lehrer aber schon einen kleinen Spielraum."

Für den mündlichen Teil sollen so genannte FachlehrerInnenteams des jeweiligen Schulstandortes 20 bis 25 Themen zu „wesentlichen Bereichen" des Lehrplans erstellen, fünf weitere soll der Klassenlehrer hinzufügen. Aus diesem "Themenpool" zieht schließlich der Kandidat zwei Prüfungsthemen, eines wird gewählt. Die Schüler treten in drei oder vier Fächern an und müssen im Zuge eines so genannten "Prüfungsgesprächs" jeweils nur eine Frage pro Fach beantworten. Eine Themenstellung soll in Form einer Präsentation absolviert werden. Die bisher üblichen "Spezialgebiete" wird es nicht mehr geben.

Stressfrei durch die Prüfungen

"Die neue Matura ist vom Schreiben her angenehmer, weil es zwischendurch richtige Pausen gibt", so Stefan. Da die verschiedenen Teile voneinander unabhängig sind, kann der Schüler dazwischen richtige Pausen machen, ergänzt Peters: „So entsteht kein Zeitdruck. Man empfindet es nicht so stressig." War es früher nicht einmal möglich, problemlos zur Toilette zu gehen, können die Maturanten nach dem neuen Modell beispielsweise um den Block spazieren.

Im Bereich der lebenden Fremdsprachen zielt das neue Modell vor allem auf das Verständnis ab und weniger auf Inhalte. Stefans Schulkollegin Ingrid kennt das neue Modell ebenfalls aus dem Englischunterricht und findet, dass es "von den Sprachkenntnissen her mehr bringt". "Beim Teil ‚Language in Use' muss man beispielsweise nur einzelne Wörter in den Text einfügen. Das sind Sachen, die sich einfach anhören, aber nicht sind", so die 18-Jährige. Auch bei den Hörbeispielen gehe es ausschließlich um Verständnis der Sprache, so Peters: "Es gab früher schon Hörverständnisübungen, da musste man aber in ganzen Sätzen antworten. Jetzt muss man wirklich nur mehr ankreuzen."

„Nur eine Frage pro Fach, das ist eine Abwertung"

Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft, kritisiert jedoch im Gespräch mit derStandard.at, dass der mündliche Teil auf ein Minimum reduziert sei: "Es gibt nur eine Frage pro Fach, das ist eine Abwertung." Außerdem sollte das neue Modell nicht nur für AHS gelten. "Alle Schulen, die ein Maturazeugnis vergeben, sollten die teilzentrale Matura anwenden", so Scholik. Auch die Schwerpunktsetzungen der verschiedenen Schulen möchte sie stärker einbezogen sehen.

Josef Lucyshyn, einer der beiden Direktoren des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung, sieht hingegen die Schwerpunkte der Schulen gut integriert. "Im Bereich der vorwissenschaftlichen Arbeit gibt es für Lehrer die Möglichkeit, die Schwerpunkte der Schulen einzubringen. Im mündlichen Teil können die Schüler in einem Schwerpunktfach antreten", so Lucyshyn zu derStandard.at. Die Vorteile im neuen Modell sieht er in der Qualität der Aufgabenstellungen, die von Experten erstellt und in ganz Österreich getestet werden. Außerdem wolle man laut dem Ministerium die teilzentrale Reifeprüfung auf alle Schulformen mit Matura ausdehnen. "Derzeit gilt der Entwurf nur für AHS, aber es gibt bereits Vorgespräche, um auf BHS auszudehnen," so Lucyshyn.
Nächste Woche soll es ein Treffen mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied und den Lehrervertretern geben, um den zukünftigen Fahrplan zu diskutieren. (maf/derStandard.at, 13. November 2008)

 

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    Eine "standardisierte Reifeprüfung" würde beim schriftlichen Termin die selben Aufgaben für alle Maturanten vorsehen.

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