Deutschland: 100.000 Schüler protestierten

13. November 2008, 14:17
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Demonstranten stürmen kurzzeitig Berliner Humboldt Uni - An Schulstreiks beteiligten sich rund 40 Städte - Forderung nach Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems

Berlin - In ganz Deutschland sind am Mittwoch mehr als hunderttausend Schüler für ein besseres Bildungssystem auf die Straße gegangen. Allein in Berlin protestierten laut den Veranstaltern rund 10.000 Schüler gegen überfüllte Klassen und forderten die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, das in ihren Augen zu einer sozialen Spaltung führt. Die Polizei sprach von rund 8000 Demonstranten, knapp tausend von ihnen stürmten zudem kurzzeitig die Berliner Humboldt-Universität. An den deutschlandweiten Schulstreiks beteiligten sich rund 40 Städte. Zu dem Protest hatte das Bündnis "schulaction" aufgerufen. FDP und die Linke begrüßten die Aktionen.

Schüler und Studenten demonstrierten

Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich rund 125.000 Jugendliche an den Protestaktionen in ganz Deutschland. So demonstrierten etwa in Braunschweig, Bremen und Hannover jeweils rund 8500 Schüler, in Hamburg 6000. In Frankfurt am Main, Kassel und Gießen gingen insgesamt knapp 9000 Schüler auf die Straße, in Stuttgart, München und Kiel jeweils rund 5000.

In Berlin forderten die Schüler auf ihrer Kundgebung Klassengrößen von maximal 20 Schülern, die Abschaffung des Notendrucks und mehr Geld für Lehrmittel. Es gebe zu wenig Lehrer und zu viele Schüler in den Klassen, kritisierte etwa die 13-jährige Kristina Kalinovski, die gemeinsam mit ihren Freundinnen zu der Demonstration in Berlin erschienen war. "Das ist ungerecht." An Berliner Gymnasien sitzen laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Durchschnitt 28 Schüler in den Klassenräumen. An Realschulen sind es 27, an den Volksschulen durchschnittlich 24 Kinder pro Klasse.

Uni 20 Minuten lang gestürmt

Im Hinblick auf den Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Oktober erklärte Niklas Wuchenauer von der Landesschülervertretung Berlin: "Die Politiker haben wieder einmal über die Köpfe von uns Betroffenen hinweg diskutiert." Nun müssten die Schüler ihre Probleme selbst in die Hand nehmen. Nach Angaben der Berliner Polizei stürmten am Nachmittag rund tausend Demonstranten das Gebäude der Berliner Humboldt Universität und warfen Bücher und Toilettenpapier aus den Fenstern. Sie verließen das Universitätsgebäude nach rund 20 Minuten wieder.

Die FDP begrüßte den Schülerstreik. So werde das Thema Bildung seitens der Betroffenen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, erklärte die hessische FDP-Schulexpertin Dorothea Henzler. Auch der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt, begrüßte die Proteste. Ein Grund für die Frustration der Schüler sei der gescheiterte Bildungsgipfel, erklärte Meinhardt. Er warnte jedoch vor einer Abschaffung des gegliederten Schulsystems, da nur so Begabungen richtig gefördert werden könnten.

Auch die Linke im Bundestag unterstützte den Protest. "Die unsoziale und undemokratische Bildungspolitik sollte sich niemand gefallen lassen", erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Links-Fraktion, Nele Hirsch. Druck von der Straße sei wichtiger denn je. Es müsse für die Schüler "wie ein Schlag ins Gesicht wirken", wenn Bund und Länder mehrere hundert Milliarden Euro für die Rettung der Banken habe, für kleinere Klassen, mehr Lehrer und den kostenlosen Zugang zu Bildung jedoch kein Geld da sei. (APA/AFP)

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    Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich rund 125.000 Jugendliche an den Protestaktionen in ganz Deutschland.

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