Personal Tools: Wir Mail-Messies

13. November 2008, 09:29
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"Mancher Betroffene bunkert E-Mails auf dem Computer. Oder er schafft es einfach nicht, auf dem Handy erhaltene SMS zu löschen"

"Messies" haben ein ernsthaftes psychisches Problem: Menschen, die unfähig dazu sind, sich von gekauften und sonst wie ins Haus gebrachten Sachen wieder zu trennen. Vollgeräumte Wohnungen sind die Folge, und irgendwann wird das materielle Chaos, im englischen "Mess", zum seelischen.

Messies in der digitalen Welt

Der Psychotherapeut Alfred Pritz will eine Fortsetzung des Messie-Syndrom in der digitalen Welt erkannt haben: "Mancher Betroffene bunkert E-Mails auf dem Computer. Oder er schafft es einfach nicht, auf dem Handy erhaltene SMS zu löschen", beschrieb er vergangene Woche im Standard die Symptome. Nun kann gut sein, dass Messies nicht nur Zeitungen, sondern auch Mails bunkern. Aber wenn allein das Sammeln von Mails, SMS und Dateien aller Art, insbesondere von Fotos und Musik, zum Messie-Status qualifiziert, muss ich bekennen: Ich bin ein Messie, und das ist gut so. Denn die digitale Welt verhält sich konträr zur physischen: Speicherplatz (quasi Wohnraum und Abstellfläche) wird immer billiger, und die Möglichkeiten, auch in einem digitalen Heuhaufen etwas wiederzufinden, ist mit Volltextsuche auf dem eigenen PC oder Mac einfach und schnell (Tipp: Wer nicht mit Vista oder Mac OS X arbeitet, erhält diese Funktion mit Google Desktop.) Eine Festplatte mit einem Terrabyte Speicherplatz, was den meisten Menschen wohl für mindestens ein Jahr, eher ein paar Jahre reicht, kostet derzeit bereits unter 200 Euro, und die Preise schrumpfen weiterhin. Wahrscheinlich ist es bald billiger, alle Daten seines Lebens aufzuheben, als ein paar Laufmeter Billy-Regale in der Wohnung aufzustellen.

Alles aufheben

Darum plädiere ich dafür, fast alles auf dem PC aufzuheben. Warum? Weil man erstens nicht weiß, welche Mails oder Dateien eines Tages vielleicht doch noch nützlich sind (vier Jahre alte Mails und Dateien haben mich vor einiger Zeit vor einer Klage bewahrt); weil zweitens die Kosten beim Sammeln immer weniger relevant werden und weil es drittens weniger Zeit kostet, die Nadel im Heuhaufen auf der Festplatte zu suchen, als Entscheidungen darüber zu treffen, was man aufhebt und was man löscht. Natürlich gibt es ein paar Dinge, die besser gelöscht werden - Spam, der vom Spamfilter des Mailprogramms herausgefischt wird; Massenmails; unscharfe, schlechte Bilder gleich nach der Aufnahme. Aber selbst wenn man dies unterlässt, bleibt der Mess auf der Festplatte beherrschbar. Jetzt noch an eines denken: Immer brav sichern, damit wirklich nichts verlorengeht.

Der "Memory Extender"

Vannewar Bush, ein Vordenker des Web, hat bereits 1945 das Konzept des "Memex", des "Memory Extenders", entwickelt: Eines Tages würde man eine winzige "Stirnkamera" tragen (in dieser Zeit trug man noch Hut), die den ganzen Tag über Bilder auf Mikrofilm bannen würde - "Memex" sollte diese dann speichern, quasi ein "ewiges Gedächtnis". Heute ist dies, zumindest im Experiment, realisiert: Seit 2004 sammelt der 73-jährige Microsoft-Forscher Gordon Bell mit einer als Amulett umgehängten Kamera laufend Schnappschüsse; alle Papiere, Fotos, Platten und CDs aus seinem ganzen Leben hat er digitalisiert und in einer Software names "MyLifeBits" gesammelt. (Helmut Spudich/ DER STANDARD, Printausgabe vom 13.11.2008)

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