Siegertext: Nachhaltige Kommunikation?

13. November 2008, 15:55
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Vom schwierigen Umgang der Medien mit dem Thema Nachhaltigkeit - von Maud Formanek

Nach Jahrzehnten der Verherrlichung von Industrie und Technik und dem Irrglauben, dass wir ohne Konsequenzen die Natur ausbeuten könnten, ist heute das Schlagwort "Nachhaltigkeit" in aller Munde. Es wird heftig daran geforscht, wie wir unseren Planeten und nachfolgende Generationen vor den Folgen unseres Lebensstils bewahren können, ohne aber uns allzu sehr einschränken zu müssen.

Doch was nützen all die Vorschläge, Ideen und Lösungen, wenn die Mehrheit davon nichts mitbekommt? Wissen wir denn überhaupt, wie ein nachhaltiger Lebensstil aussehen könnte und in wie weit wir Verantwortung tragen? Nachhaltige Entwicklung braucht einen angemessenen Austausch zwischen Wissenschaftlern und den Medien. Der Frage, ob dieser momentan gegeben ist, widmete sich das Projekt "Wissenschaftskommunikation über Nachhaltigkeit" des Instituts für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt im Rahmen der Initiative "ProVision".

Vorrangig untersucht wurde dabei die Berichterstattung über Ernährung und die Hochwasserereignisse 2002 bis 2006 in Tages- und Wochenzeitungen. Ein schwerwiegendes Problem für die Wissenschaftskommunikation stellt natürlich die bei wissenschaftlichen Themen oft nicht vorhandene Medientauglichkeit dar: was nicht an- oder aufregt, wird nicht gedruckt. Die dramatischen Hochwasserereignisse der letzten Jahre, die für viele Österreicher eine Bedrohung ihrer Existenz darstellten, hätten demnach eine Chance geboten, den Dialog und das Nachdenken über eine nachhaltige Entwicklung anzukurbeln.

Dem war aber nicht so, wie Dipl.-Phys. Martina Erlemann berichtet. Teilweise wurde zwar in den überregionalen Qualitätszeitungen über etwaige Ursachen wie den Klimawandel diskutiert, doch "ein Hinterfragen, ob man vielleicht auch selbst schuld ist, wurde zunächst einmal ganz stark unterdrückt" . Welcher Leser lässt schon gerne mit dem Finger auf sich zeigen? Vor allem in den Regionalzeitungen "ging es eigentlich darum, dass man Solidarität mit den Opfern zeigt, und das alles wieder so sein solle wie vorher." Der tapfere Feuerwehrmann, der gegen die Fluten ankämpft, und die selbstlosen Freiwilligen Helfer und Spender wurden als Helden gefeiert, den objektiven Wissenschaftlern mit ihrem Aufzeigen von Ursachen und ihren Verbesserungsvorschlägen für die Zukunft wurde Herzlosigkeit und Unmoral vorgeworfen.

Hinzu kommt, dass die Wissenschaft auch gar keine 100%ig sicheren punktuellen Prognosen stellen, sondern nur sogenannte "Worst-Case-Szenarien" erarbeiten kann, über die wiederum nicht gerne berichtet wird: Wer kauft schon eine Zeitung, die bewirkt, das man sich schlecht fühlt? Konkrete Gründe für die Hochwässer können schon eher gefunden werden, wie zum Beispiel die Bebauung von Hochrisikozonen oder fehlende Retentionsräume für Flüsse, doch über diese könne man laut den Medien "später" auch noch diskutieren. Dieses "Später" hat jedoch einen gewaltigen Haken: Sobald das Hochwasser nicht mehr aktuell war, wurde die Berichterstattung fallen gelassen.

Das Thema Ernährung ist hingegen allgegenwärtig, die Medien vermitteln häufig Wissen über gesunde, schlank-machende, heilende oder auch anregende Lebensmittel, doch von nachhaltiger Ernährung ist kaum die Rede. Bio-Lebensmittel werden zwar häufig angepriesen, doch "es wird damit argumentiert, dass es besser schmeckt und gesünder sei. Die moralische Komponente ist eher theoretisch." Hingegen wird der Patriotismus angesprochen, wenn die biologische Landwirtschaft nicht überhaupt von Parteien für politische Zwecke missbraucht wird, "indem sie für gentechnikfreie Zonen plädieren", um Stimmung gegen die EU zu machen.

Am meisten Chancen, in die Medien zu gelangen, hat die biologische Landwirtschaft jedoch leider immer noch, wenn Zweifel ihr gegenüber auftreten. Dann heißt es, "Bio hält ja gar nicht, was es verspricht", weil man dabei schließlich auch Düngemittel einsetzen darf (aber eben keine chemisch-synthetischen, sondern nur organische). Was die Wissenschaft dazu sagt, wird oft verschwiegen und wenn doch wissenschaftliche Studien veröffentlicht werden - zum Beispiel über den höheren Vitamingehalt in Bio- als in konventionellem Obst -, dann werden diese meist als unnötig abgetan, da uns dies ja schon der "Hausverstand" sagt. "Da zeigt sich, dass Wissenschaft nicht die unhinterfragte Instanz ist, von der wir uns gerne aufklären lassen, sondern dass gefragt wird, brauchen wir das überhaupt?"

Das gibt zu denken, besonders in Zeiten wie dieser, wo wir von einer globalen Finanzkrise bedroht sind, die jetzt schon viele Menschen dazu treibt, Nachhaltigkeit als nicht mehr leistbar abzustempeln. Gerade jetzt, wo wir die Chance hätten, die Kurzsichtigkeit des Kapitalismus zu reformieren, laufen wir wieder Gefahr, dem Populismus zu verfallen, anstatt auf die Wissenschaft zu hören.

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Literaturverzeichnis

[1] Erlemann Martina in Interview mit der Verfasserin am 18.10.2008
Erlemann Martina, Arnold Markus (2008): Talking about Sustainability: Food and Flood Coverage in the Austrian Media (unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, gehalten 2008)
Chladek Karin (2007): Nachhaltigkeit: Medien verwässern Begriff. Hochwasser, Nachhaltigkeit und Medien. http://science.orf.at/science/news/152183 [Stand: 25.10.08]

 

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