Österreichs Schuld war 1945 nicht zu Ende

12. November 2008, 20:56
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Deutliche Worte von Johanna Rachinger bei der Rede zum Republiksjubiläum

Neunzig Jahre Republik Österreich - wir alle wissen, dass darin gleich mehrere Ungenauigkeiten mitschwingen. Denn zumindest für sieben Jahre (1938-45) gab es weder eine Republik noch überhaupt einen souveränen Staat Österreich. Und seit der Ausschaltung des Parlaments im März 1933 und der Konstitution des austrofaschistischen Ständestaates im Mai 1934 gab es kein demokratisches Österreich mehr. Diese zeitweise Aufhebung eines autonomen demokratischen österreichischen Staates und die Verstrickung in nationalsozialistisches Unrecht und Schuld markieren eine tiefe Zäsur zwischen der Ersten und Zweiten Republik und bestimmt bis heute unser politisches Selbstverständnis und unsere nationale Identität.

Anders als bei anderen europäischen Nationalstaaten waren beide Geburtsstunden unseres heutigen demokratischen Österreichs - die der Ersten wie auch der Zweiten Republik - eher gekennzeichnet durch Identitätskrisen, Selbstzweifel und Halbwahrheiten, als von einer euphorischen, staatstragenden nationalen Idee. Aber vielleicht liegt ja gerade darin die österreichische Eigenart und Stärke - in der Einsicht nämlich, dass kulturelle Identität etwas ist, das einem nicht einfach in den Schoß fällt, sondern das erst als mühsamer Prozess der Selbstreflexion gefunden werden muss.

Obwohl der Friedensvertrag von St. Germain ausdrücklich einen zukünftigen Anschluss an Deutschland verbot, war es genau diese Sorge, einer Vereinigung mit Deutschland ja nicht im Wege zu stehen, die die Namensfindung der National-Bibliothek prägte. Man einigte sich auf "Nationalbibliothek" . Darin wurde zwar vage auf eine Nation Bezug genommen, die es andererseits - "weltbekannter Weise" - gar nicht geben sollte, aber zumindest das Wort "österreichisch" wurde peinlich vermieden. Ein "österreichischer Mittelweg" par excellence.

Die Null-Identität

Im vergleichsweise winzigen verbliebenen Restbestand einer vormals multi-ethnischen europäischen Großmacht eine eigene nationale Identität zu erkennen, das war zu diesem Zeitpunkt offenbar ein Ding der Unmöglichkeit. Die deutsch-nationale Ausrichtung und die Anschlussträume bekamen allerdings seit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 sehr bald einen ambivalenten Beigeschmack: zumindest für einen beträchtlichen Teil der österreichischen Bevölkerung wurde sie zur manifesten Bedrohung, die die gesamte Epoche des österreichischen Ständestaates begleitete.

Und es ist wohl kein Zufall, dass gerade in der Bewertung der Epoche des Ständestaates die Einschätzungen je nach politischem Lager bis heute weit auseinander gehen und unsere politische Landschaft bestimmen. Auf der einen Seite besteht immer noch der Versuch, den Austrofaschismus als die sozusagen "harmlose" österreichische Variante des Faschismus zu rechtfertigen, dessen erklärtes Ziel es bis zuletzt war, die Eigenständigkeit Österreichs gegenüber Hitler-Deutschland zu verteidigen.

Andererseits muss klar festgestellt werden, dass sich Engelbert Dollfuß bewusst vom Modell einer demokratischen Republik verabschiedet und eine Einparteiendiktatur errichtet hat, die von ihm als faschistisch bezeichnet wurde.

Den Skandal benennen

Deutlich daran wird für uns heute, dass die Interpretation und Bewertung von Geschichte sehr viel mit eigener Identitätsbildung und eigenem Selbstverständnis zu tun hat und daher je nach politischer Gruppe zu anderen Ergebnissen führt. Eine grundsätzlich positive Darstellung der NS-Zeit verbunden mit einer Leugnung ihrer Verbrechen steht heute außerhalb eines gesellschaftlichen Grundkonsenses gegenüber der Geschichte.

Eine grundsätzliche Distanzierung von den Verbrechen des Nationalsozialismus muss heute für alle politischen Parteien in Österreich eine gemeinsame ideologische Basis bilden und jeder auch kleinste Versuch, diesen Konsens zu verlassen, muss als politischer Skandal gebrandmarkt werden.
Heute scheint es mir besonders wichtig zu erkennen, dass die Verstrickung in Schuld während der NS-Zeit in Österreich nach 1945 nicht abrupt zu Ende war. Ich meine damit vor allem die Verharmlosung der eigenen Mittäterschaft und Mitschuld. Eine ernst gemeinte Aufarbeitung der NS-Zeit muss auch die Versäumnisse, Halbwahrheiten und Ausflüchte der ersten Jahrzehnte der Zweiten Republik mit einbeziehen, sonst wird es ihr an Glaubwürdigkeit fehlen.

Glaubhafte Aufarbeitung

Österreich hat mittlerweile spät, aber doch, den Weg zu einer ehrlichen Aufarbeitung der NS-Zeit gefunden. Die Einsetzung der Historikerkommission, die Einrichtung des Österreichischen Nationalfonds, wie auch das Kunstrückgabegesetz waren wichtige Schritte. Der Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit hat sich spürbar verändert, er ist ehrlicher und glaubwürdiger geworden - und auch dafür - so hoffe ich - ist die Österreichische Nationalbibliothek ein gutes Beispiel.

Dieser Blick auf die Anfänge der Zweiten Republik soll eine Würdigung der "Wiederaufbau-Generation" nicht schmälern. Immerhin war es ihr gelungen, eine vollkommen ruinierte Wirtschaft - wohl mit massiver Hilfe vom Ausland - auf eine stabile Basis zu stellen und damit auch das Vertrauen in ein eigenständiges Österreich nachhaltig zu sichern. Es war eine neue politische Kultur entstanden, in der radikalisierter politischer Kampf bis hin zum offenen Bürgerkrieg undenkbar wurden.

Welches Resümé also können wir nach diesem kurzen Blick aus der Gegenwart auf 90 Jahre Republik ziehen, was aus der Geschichte lernen? Ich möchte dazu an Friedrich Nietzsches Schrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" (1874) anknüpfen. Nietzsche beschreibt die zwei gängigen Arten von Geschichtsbetrachtung: die rein historische und die glorifizierende und stellt diesen Ansätzen einen dritten gegenüber: den kritischen.

Das Vergangene, selbst wenn es Teil der eigenen politischen Identitätsbildung geworden ist, darf niemals heroisiert und einer kritischen Bewertung entzogen werden. Die Beschäftigung mit der Geschichte dient letztlich immer einer Neubewertung der Gegenwart, einem besseren Verständnis von uns selbst, unserer Identität, unseren Handlungsmöglichkeiten - "dem Leben" (Nietzsche).
Hinwendung zu Europa

Die Entwicklung hin zu einem gemeinsamen Europa, einem Europa der Vielsprachigkeit und der kulturellen Vielfalt, das allen Gruppen genügend Raum lässt, aber einen stabilen Rahmen für Verständnis und Kooperation auf dem Fundament gegenseitiger Wertschätzung schafft, - dazu sehe ich keine Alternative. Es ist die entscheidende historische Entwicklung. Wir sind es unserem Land schuldig, aktiv an der Einheit Europas mitzuarbeiten. Auch Europa kann von Österreich viel lernen. Im Negativen, viel mehr aber noch im Positiven. (Johanna Rachinger, gekürzte Fassung/DER STANDARD Printausgabe, 13. November 2008)

Johanna Rachinger ist Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek.

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