Im Kino geht die Post ab: "Willkommen bei den Sch'tis"

12. November 2008, 20:28
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Eine Erfolgskomödie aus Frankreich zeigt: Auch eine Krise kann lustig sein, zumindest im Film

Wien - Im französischen Kino hatte die Post immer schon einen hohen Stellenwert. Unvergessen Jacques Tatis Komödie Schützenfest, wo ein Landbriefträger mitbekommt, wie schnell in Amerika die Post arbeitet. Sein neues Motto lautet folglich: rapidité! Schnelligkeit, um nicht zu sagen: Rasanz! Auf seinem Waffenrad fährt Jacques Tati durch die Landschaft, beseelt von dem Gedanken, die Post im Akkord zuzustellen. Dass er damit ein früher Vertreter der heute in allen Bereichen wirkenden Notwendigkeit zur Effizienzsteigerung war, war ihm durchaus bewusst. Gerade diesen Zusammenhang nahm er gern aufs Korn, auch in späteren Filmen wie Die Ferien des Monsieur Hulot oder schließlich in Playtime.

Nun gibt es wieder einen französischen Film über die Post; es könnte gut sein, dass der sagenhafte Erfolg der Komödie Willkommen bei den Sch'tis auch damit zu tun hat, dass es um Luxusprobleme von Menschen geht, die einen sicheren Job im Staatsdienst haben. Ein Postler, der auf eine Stelle an der Côte d'Azur hofft, macht bei seiner Bewerbung einen schlimmen Fehler: Er tut so, als wäre er behindert. Zur Strafe muss er in den Norden. Nord-Pas-de-Calais ist eine Region, von der man in Paris nicht viel mehr weiß, als dass es dort immer regnet und die Menschen einen komplett unverständlichen Dialekt sprechen. Ein "schönes Zimmer" ist dort ein "sönes Schimmer" - wer sich dabei an manch witziges Kauderwelsch aus den Asterix-Heften erinnert fühlt, liegt nicht verkehrt.

Willkommen bei den Sch'tis hatte in Frankreich mehr als zwanzig Millionen Besucher. Das liegt sicher auch in einer wohligen Komik begründet, die auf die Überwindung von Vorurteilen zielt, von denen sowieso wenig abhängt. Auf einer tieferen Ebene kommuniziert der Film von Dany Boon aber noch eine andere Form von Zusammenhalt: Die Post ist hier nicht einfach ein öffentlicher Dienstleister, sondern eine soziale Institution, die in einer Region, der es wirtschaftlich nicht immer gut geht, für Integration sorgt. In einer bezeichnenden Szene begleitet der neue Postdirektor aus dem Süden den lokalen Zusteller (gespielt vom bekannten Komiker Dany Boon selbst) auf seinem Rundgang. Er möchte ihn dazu bewegen, nicht jedes Glas Bier anzunehmen, das ihm unterwegs gereicht wird.

Am Ende ist der Direktor so blau, dass er kaum mehr zurück aufs Amt findet. Er hat etwas von der Trägheit öffentlicher Apparate mitbekommen, er hat aber auch begriffen, dass die Post eine Art mobile Eckkneipe ist, und dass diese Funktion niemand sonst in der Gesellschaft übernehmen kann. Dieser zweite Aspekt verträgt sich natürlich nicht mit dem Anforderungsprofil eines Unternehmens, das in vielen Ländern längst privatisiert wurde und auch in Frankreich keine geschützte Zone mehr ist. Willkommen bei den Sch'tis bringt eine nostalgische Sehnsucht nach Welten zum Ausdruck, in denen nicht nur Wettbewerb und Produktivitätssteigerung zählen.

Die österreichische Variante wäre der Roman Zu Lasten der Briefträger von Alois Brandstetter, in dem die Post zum Rückzugsgebiet einer verschrobenen Bildungsbürgerlichkeit, kurz: des Eigensinns, wird. Das bedeutet mitunter, dass die Post nicht mehr zugestellt wird. Und das geht wieder auch nicht. Man sieht, dass die Alternative zwischen Bürgerpost und Börsenpost voller kniffliger Probleme steckt. Mit Rasanz allein wird sich eine Lösung nicht finden lassen. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2008)

 

  • Zwei erzfranzösische Kinokomiker mit maghrebinischen Wurzeln vermittelten triumphal im innerfranzösischen Nord-Süd-Konflikt: Kad Merad (als strafversetzter Provencale) und Dany Boon (als Parade-"Sch'ti") radeln ab Freitag auch in den österreichischen Kinos.
    foto: luna film

    Zwei erzfranzösische Kinokomiker mit maghrebinischen Wurzeln vermittelten triumphal im innerfranzösischen Nord-Süd-Konflikt: Kad Merad (als strafversetzter Provencale) und Dany Boon (als Parade-"Sch'ti") radeln ab Freitag auch in den österreichischen Kinos.

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