Lust oder Verlust?

12. November 2008, 19:59
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Beate Göbel erarbeitete mit Ex-Inhaftierten drei Kurzfilme zu "The Rake's Progress"


Wien - Abgekupfert hatte William Hoghart seinen Zyklus A Rake's Progress von jener Welt der Spieltische und käuflichen Liebe, die er im London des 18. Jahrhunderts studiert hatte. Aus den Museen wanderte Tom Rakewell, der verführbare Lüstling, weiter in das Libretto von W. H. Auden und Chester Kallman, zur Musik Igor Strawinskys.

Dem Thema der Versuchung dorthin zurück zu folgen, wo es die Kunst zweihundert Jahre zuvor aufgelesen hatte - auf die Straße: das ist eine der klugen Volten, die Beate Göbel in ihrem Projekt VerSUCHungEN vollzieht. VerSUCHungEN ist Teil jenes Begleitprogramms für Jugendliche, das das Theater an der Wien bereits zum vierten Mal einer aktuellen Inszenierung zur Seite stellt. Unter der Leitung von Dietmar Flosdorf suchen Schüler der HS/Kooperativen Mittelschule Am Schöpfwerk in Workshops einen eigenen Zugang zur Oper.

Im Zentrum dieser Workshops stehen mit VerSUCHungEN diesmal drei Kurzfilme, die Beate Göbel mit ehemaligen Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Favoriten und mit Klienten der Drogentherapiestation im Schweizer Haus Hadersdorf erarbeitete.

Leben nach Lustprinzip, Leben in starken Gewohnheiten und Leben verändern wollen heißen die rund zweieinhalb Minuten langen Bildsequenzen, die sich assoziativ um Momente der Versuchung - etwa aus dem Leben des ehemaligen Inhaftierten und Rappers Chaoskanzler - bewegen. Die Filme sind bereits die sechste künstlerische Zusammenarbeit des von Göbel mitgegründeten Vereins Impulsein mit Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt. Drei Theaterabende mit inhaftierten Frauen hatte Göbel im Rahmen des Projekts wirhier - Kunst unter Strafe erarbeitet, zwei Hörbücher mit autobiografischen Erzählungen waren entstanden.

Zuletzt machte die Rap-CD Rappers in Prison eine größere Öffentlichkeit auf die Arbeit des Vereins aufmerksam: eine selbstproduzierte CD der Inhaftierten, auf der sie eigene Texte zu Beats einspielten, die ihnen professionelle Musiker zur Verfügung gestellt hatten.

Inzwischen beginnen sich auch Institutionen außerhalb Wiens für Beate Göbels Ansatz der künstlerischen Arbeit mit Inhaftierten zu interessieren: Ihre nächste Arbeit führt sie nach Linz, auf Einladung des Kunstraums Goethestraße. Mehr wird noch nicht verraten. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2008)

 

Präsentation des Jugendprojekts zu "The Rake’s Progress"  im Theater an der Wien am Freitag, 14. 11.,18 Uhr

Links:
www.wirhier.at
www.theater-wien.at

  • Kunst als Möglichkeit des unmittelbaren Ausdrucks – und der Überwindung von Klischees, die die Mauern der Gefängnisse umgeben: Beate Göbel.
    foto: laurent ziegler

    Kunst als Möglichkeit des unmittelbaren Ausdrucks – und der Überwindung von Klischees, die die Mauern der Gefängnisse umgeben: Beate Göbel.

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