"Wovor soll ich noch Angst haben?"

13. November 2008, 10:17
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Susana Trimarco sucht seit Jahren ihre entführte Tochter in Bordellen. Durch ihren Kampf gegen den Menschenhandel hat sie in Argentinien vieles bewegt, auch juristisch. Dass Trimarco überhaupt noch lebt, ist erstaunlich

Unendliche Weiten. Staubige Straßen, viele ungeteert. Abgelegene Häuser und Ortschaften, darunter einfache und armselige. Die Fahrt durch die nördliche Provinz Tucumán in Argentinien, etwa 1300 Kilometer von Buenos Aires entfernt, lässt einiges erahnen: mangelhafte Kontrollen, spärliche Staatsstrukturen, zuweilen wildwestähnliche Zustände. Innerhalb eines Jahres verschwanden hier mindestens 700 Mädchen und Frauen. Von einem Tag auf den anderen.

"Susana ist nicht da", heißt es bei unserem Besuch in der Stiftung María de los Angeles in der Provinzhauptstadt San Miguel de Tucumán. Sie sei früh am Morgen Hals über Kopf abgereist - nach La Rioja, einer Provinz im Nordwesten. Die Gendarmerie hat dort kurzum mit Ausgrabungen begonnen. "Sie suchen nach den Überresten von Marita."

Marita Verón ist vor über sechs Jahren entführt worden. Sie verließ das Haus ihrer Eltern an einem Morgen um neun Uhr, um sich beim Gynäkologen eine Spirale einsetzen zu lassen. Die 23-Jährige und ihr Partner hatten entschieden, vorerst keine Kinder mehr zu kriegen. Spätestens zum Mittagessen wollte Marita bei ihren Eltern und ihrem damals dreijährigen Mädchen zurück sein. Sie kam nie wieder.

"Ich bin gleich wieder da"

"Ich bin gleich wieder da." Das seien die letzten Worte gewesen, die sie von ihrer Tochter am 3. April 2002 gehört habe, erzählt Susana Trimarco in ihrer Wohnung in Buenos Aires, wo sie oft Zwischenhalt macht. Trimarco wirkt erschöpft, sie arbeitet unaufhörlich. Sie reist in Argentinien von einem Ort zum anderen, besucht Fernsehprogramme, nimmt an Anlässen teil, hält Vorträge über Frauenhandel, trifft sich mit PolitikerInnen und: sucht ihre Tochter. Soeben ist sie von La Rioja zurückgekehrt. Die Ausgrabungen sind beendet. "Wir haben nichts gefunden", sagt die kleine Frau - einerseits erleichtert, andererseits müde. Ein Mann hatte ihr im Mai zugesteckt, ihre Tochter sei umgebracht worden. Er zeigte die Stelle, wo sie angeblich begraben sein sollte.

Telenovela "Vidas Robadas"

Der Frauenhandel hat 2008 in Argentinien massiv an Aktualität gewonnen. Die Medien berichten regelmäßig von neu vermissten Frauen und von sexuell Ausgebeuteten, die die Polizei befreite. Auch die Regierung hat inzwischen eingesehen, dass im Land Menschenhandel im professionell organisierten Stil existiert und dies nicht nur ein Hirngespinst von einzelnen Personen ist. In aller Munde ist die Sexsklaverei allerdings erst seit letztem März: Von Dienstag bis Freitag, über acht Monate hinweg, strahlte einer der bedeutendsten Fernsehkanäle die Telenovela "Vidas Robadas" - Geraubte Leben - aus. Millionen ArgentinierInnen hingen zu Abend am Bildschirm, weinten und litten mit. Die Novela basierte zu einem großen Teil auf der Geschichte von Susana Trimarco und wurde vom Stadtparlament in Buenos Aires zur "Fernsehserie von sozialem Interesse" erklärt.

"Meine Tochter verließ das Haus, und nur ein wenig später überkam mich ein schreckliches Gefühl, eine Verzweiflung", erinnert sich Trimarco. "Als sie um etwa zwei Uhr immer noch nicht auftauchte, wusste ich, dass etwas passiert ist." Ihre Tochter sei immer sehr verlässlich gewesen und habe ihre Eltern, wenn nötig, stets informiert. "Wir befürchteten einen Autounfall." Trimarco und ihr Mann suchten den Gynäkologen auf. Dort war Marita angeblich nie angekommen. Sie fuhren durch die Straßen, hier und dort, klapperten Polizeistellen und Spitäler ab. Nichts. Als sie schließlich eine Vermisstenanzeige aufgeben wollten, weigerte sich der zuständige Polizist: "Machen Sie sich keine Sorgen, die ist mit einem Freund unterwegs." Außerdem, so der Polizist lakonisch, habe er ohnehin kein Papier, um die Anzeige aufzunehmen. "Mein Mann ging in den nächsten Laden und kaufte einen Schreibblock", sagt Trimarco bestimmt und lacht zum ersten Mal ein wenig. Erst als nahezu 50 FreundInnen und Familienangehörige das Kommissariat in Beschlag nahmen, setzte sich die Polizei in Bewegung.

Unklares Ausmaß des Sexhandels

Die genaue Zahl der in Argentinien zur Prostitution Gezwungenen ist ein riesiges Fragezeichen. Wenn Anzeigen von verschwundenen Frauen im besten Fall aufgenommen werden, figurieren sie unter "Flucht von zu Hause" oder "Verschwinden einer Person". Im Grunde genommen sind es Zeugen, oft andere Prostituierte, die von einer vermisst Gemeldeten zu berichten wissen, dass sie als Sexsklavin anschafft. Einer Erhebung von der Internationalen Organisation für Immigration (IOM) zufolge wurden im Jahr 2006 in Argentinien rund 400 Frauen zur Prostitution gezwungen. Eine sehr zweifelhafte Zahl. Wenn man bedenkt, dass die Stiftung María de los Angeles von Susana Trimarco von Oktober 2007 bis Oktober 2008 alleine schon etwa 700 Sexsklavinnen registrierte - nur in der Provinz Tucumán.

Hundertmal, wenn nicht tausendmal hat Trimarco die Geschichte bereits erzählt. Sie tut es heute noch, als ob sie erst gestern passiert wäre. „Drei Tage später erhalte ich einen anonymen Anruf", sagt die 54-Jährige. "Die Person teilt mir mit, sie habe gesehen, wie drei Männer meine Tochter schlugen und in ein Auto eines bekannten Taxiunternehmens von Tucumán zerrten." In diesem Moment begreift Trimarco: "Da geht es um etwas Gewaltigeres." Sie ändert die Taktik. Sie vervielfältigt ein Bild ihrer Tochter und tapeziert damit die Stadt. Taxifahrer reißen die Plakate wieder ab. Gemeinsam mit ihrem Mann läuft sie den Strich im Rotlichtmilieu auf und ab, sucht nach Hinweisen. Am siebten Tag spricht eine Prostituierte ihren Mann an. Sie wisse, was mit Marita geschehen sei, sagt die 13-Jährige. "Sie ist entführt und für 2500 Pesos an ein Bordell in der Provinz La Rioja verkauft worden." Der Prostituierten wird später der Hals aufgeschlitzt - aus Rache.

Versprechungen

Einmal in den Fängen der "Mafia" werden die jungen Frauen von Provinz zu Provinz, von Bordell zu Bordell herumgereicht. Bis über die Grenzen Argentiniens hinaus. Nach Chile, Kolumbien oder Spanien. Nicht alle werden entführt. Oft wird den jungen Frauen eine gut bezahlte Arbeit als Kindermädchen oder Serviertochter in einer anderen Provinz angeboten. Die Reise ins finanzielle Glück, endet in einem "Freudenhaus". Man gibt ihnen eine andere Identität, ändert ihren Namen, und sperrt sie ein. Vorwiegend im Norden von Argentinien, wo die Armut verbreitet ist, rekrutieren Menschenhändler die Mädchen. Diese leben in wenig urbanisierten Gegenden, in dürftigen Häusern, und sind ungebildet. Wieso also Marita?

Marita Verón wuchs in einer Mittelklassfamilie auf. In einer katholischen Schule schloss sie die Grundschule ab. An der Universität von Tucumán studierte sie Kunst, bis 1999 ihr Traum in Erfüllung ging: Tochter Micaela kam zur Welt. Zum Zeitpunkt ihrer Entführung lebte Marita mit ihrem Freund zusammen und führte einen kleinen Lebensmittelladen. Sie plante, das Studium wieder aufzunehmen.

"Ich glaubte es zu Beginn nicht, was die Prostituierte sagte", so Trimarco. Es war aber die einzige Spur. Sie nahm das Taxiunternehmen unter die Lupe. Dabei fand sie heraus, dass seine Besitzer in allerlei dunkle Geschäfte verwickelt sind, darunter Zuhälterei. Sie reiste in die Stadt La Rioja der gleichnamigen Provinz und quartierte sich in einem Hotel ein. Fragte herum, ermittelte. EinwohnerInnen bestätigten ihr, man habe Marita gesehen. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich zunehmend. Die Richter und AnwältInnen glaubten ihr aber nicht. So kleidete sie sich wie eine Prostituierte und schleuste sich in Bordelle ein. "Schrecklich, was ich da alles gesehen habe. Wie sie die Frauen schlagen und ihnen Drogen verabreichen." Mit blonder Perücke spielte sie eine Puffmutter, die neue Ware brauchte. "Hallo, ich komme Mädchen kaufen." Im Vorfeld lernte sie die Namen der wichtigen Personen in diesem Milieu und deren Sprache auswendig. "Du kannst nicht auffliegen, sonst bringen sie dich um", sagt die dunkelhaarige Frau mit verhärteten Gesichtszügen.

"Mir blieb nichts anderes übrig. Wie könnte ich aufhören nach meiner Tochter zu suchen, während sie gequält, geschlagen und prostituiert wird?", sagt Trimarco mit dünner Stimme. Sie habe ihre Stelle aufgegeben und Häuser, Autos und den Laden von Marita verkauft, um die anfallenden Kosten für die Suche nach ihr zu bezahlen. „In Europa mögen die Menschen an die Polizei und Justiz glauben...", sagt sie achselzuckend.

Sie sammelte Zeugenaussagen, vorwiegend von Prostituierten, Indizen, Beweise. Mit dem umfangreichen Material überzeugte sie schließlich die Richter, dass die Geschichte sehr wahrscheinlich den Tatsachen entspricht. Ihre Bemühungen führten zu zahlreichen Hausdurchsuchungen in verschiedenen Bordellen. In Argentinien, aber auch in Spanien, wo 2003 in Zusammenarbeit mit Interpol 59 lateinamerikanische Frauen gerettet wurden. Befreite Opfer brachten weiteres Beweismaterial im Fall "Verón". Unter anderem, dass Marita als VIP-Prostituierte gehandelt wurde. Frauen aus besseren sozialen Schichten, studierte und gut erzogene, gehören zum besonderen Angebot im Rotlichtmilieu. Die VIP-Prostituierten sind für Freier bestimmt, die zahlen können. Darunter gehören Richter, Politiker, Geschäftsleute.

Bordelle offiziell verboten

Die Prostitution ist in Argentinien nicht verboten. Aber Bordelle. Seit 1939. Dennoch: Es gibt sie an jeder Ecke. Um das Gesetz zu umgehen, werden sie als Bars, so genannte "whiskerías" eingetragen. Alle wissen es. Auch die Polizei - die nicht selten an der Prostitution kräftig mitverdient. Wird eine "whiskería" hops genommen, findet sich häufig ein Polizist unter den Angeklagten. Bis es also überhaupt zu einer Hausdurchsuchung kommt, müssen zahlreiche Hürden übersprungen, korrupte Beamten umgangen werden. Es sei denn, es existiert eine Frau wie Susana Trimarco, die alles öffentlich macht - am Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen - und auf mächtige Menschen starken Druck ausübt.

Hat sie nicht Angst um ihr Leben? "Wovor soll ich noch Angst haben", winkt sie müde ab. Sie habe nichts mehr zu verlieren. Drohungen erhalte sie dauernd. „Nutte, dich kriegen wir auch noch." Zwei Mordanschläge überlebte sie knapp. "Sie wollten mich mit einem Auto überfahren, einmal vor meinem Haus." Sie fügt beinahe zornig an: "Je mehr mich diese Verbrecher verfolgen und bedrohen, umso vehementer kämpfe ich."

Unkonventionelle Befreiungsmethoden

Durch ihren unermüdlichen Kampf hat Trimarco 289 versklavte Frauen befreit. Immer über den juristischen Weg? "Ja, selbstverständlich!", sagt sie schon beinahe entrüstet. Ist dem wirklich so? Ein Polizist aus Tucumán, der ungenannt bleiben will, wusste mehr: "Susana, ich und meine Pistole, wie oft drangen wir drei in Bordelle ein und befreiten Frauen!" Nun erinnert sich auch Trimarco. „Einmal fuhren wir im Auto mit zwei Nonnen zu einem Bordell hin." Die Nonnen stiegen aus, klopften an der Eingangstür, entschuldigten sich beim Türsteher, sie müssten da schnell rein, packten drinnen das gesuchte Mädchen an der Hand und verließen, sich freundlich verabschiedend, das Haus. „Die konnten gar nicht reagieren", sagt Trimarco lachend, „die waren so baff, verstanden nicht, was die Nonnen da taten." Mit Vollgas fuhren Trimarco und Co. los, "bevor sie mit Pistolen auf uns schießen konnten".

Eigene Polizeiabteilung gegen Menschenhandel

Die Provinz Tucumán, als erste im ganzen Land, eröffnete letztes Jahr innerhalb der Polizei eine Abteilung, die sich alleine dem Kampf gegen Menschenhandel widmet. Dank Susana Trimarco. Sie forderte es beharrlich vom lokalen Polizeichef. Seither werden auch in anderen Provinzen solche Einheiten aufgebaut. Mehr noch: Die Regierung in Buenos Aires zog nach und bildet nun Bundespolizisten dafür aus. Weiter: Diesen April verabschiedete der argentinische Kongress eine Gesetzesvorlage. Der Menschenhandel ist neu im Strafgesetzbuch als Delikt aufgelistet.

Vergangenes Jahr gründete Trimarco die Stiftung María de los Angeles. Die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner unterstützt sie finanziell. Die Stiftung betreut Opfer und Familienangehörige der ausgebeuteten Frauen und nimmt Vermisstmeldungen entgegen. Die Mitarbeiter bilden zudem Richter, Staatsanwälte und Polizisten im Kampf gegen den Menschenhandel aus und führen Sensibilisierungskampagnen an Schulen durch. Sie lehren die jungen Mädchen, wie sie sich vor einer Entführung und sexueller Ausbeutung schützen können. In Washington erhielt Trimarco für ihren unermüdlichen Einsatz 2007 die Auszeichnung "Mutige Frauen" von US-Außenministerin Condoleezza Rice überreicht.

Auf dem runden Tisch vor Trimarco liegen Fotografien von ihrer Enkeltochter. Sie zeigen sie in einem weißen Kleid während ihrer Erstkommunion vom September. Micaela frage sie oft: "Werde ich meine Mutter wieder sehen?" Aber ja, bestimmt, antworte sie jeweils.

"Ich werde nicht aufhören nach Marita zu suchen, bis ich sie wieder habe." Wenn sie tot sei, wolle sie wissen, wo sie Blumen hinlegen und beten könne. Susana Trimarco versichert: "Einer nach dem anderen, alle werden sie dafür bezahlen, was sie meiner Tochter Marita angetan haben." (Camilla Landbø, dieStandard.at, 13.11.2008)

Von Gastautorin Camilla Landbø (Buenos Aires)

Link

www.fundacionmariadelosangeles.org

  • Susana Trimarco (hier im Bild mit ihrer Enkeltochter Micaela) erhielt 2007 von US-Außenministerin Condoleezza Rice für ihr Engagement gegen Frauenhandel die Auszeichnung "Mutige Frauen". (Foto: Carlos Garmendia)
    foto: carlos garmendia

    Susana Trimarco (hier im Bild mit ihrer Enkeltochter Micaela) erhielt 2007 von US-Außenministerin Condoleezza Rice für ihr Engagement gegen Frauenhandel die Auszeichnung "Mutige Frauen". (Foto: Carlos Garmendia)

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