Totenfest zum Fasching

12. November 2008, 19:31
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Eindrucksvolles Berlioz-Requiem mit dem RSO Wien

Wien - Am 11. November, an dem man schon den Fasching beginnen lässt und sich normalerweise über ein knuspriges Martinigansl hermacht, ein Requiem aufzuführen - und noch dazu ein so wuchtiges wie die Grande Messe des Morts von Hector Berlioz - kontrapunktiert die kalendarisch angesagte phäakische Ausgelassenheit wohl sehr auffällig. Man müsste sich eigentlich fragen, welcher Trauer da Ausdruck verliehen werden sollte. Jener des Wiener Musikvereins über einen vielleicht abgesprungenen Sponsor oder jener des Wiener Radio-Symphonieorchesters über eventuell wieder einmal aufsteigendes Budgetgewölk.

Egal, was für die Wahl dieses Aufführungsdatums den Ausschlag gegeben haben mag, die von Dirigent Bertrand de Billy geleitete Aufführung war so fesselnd und bis ins kleinste Detail so ausgefeilt, dass man über einem solchen Ereignis getrost den ganzen Fasching vergessen kann. Zumal diese Grande Messe des Morts in ihrem ganzen kolossalen Aufwand wenn schon nicht als jenseitiger Fasching, so aber doch als gigantische, stellenweise sogar exhibitionistische Theatralisierung des katholischen Jenseits bezeichnet werden darf. Dies vor allem in den massiven dynamischen Entladungen des Dies irae, in dem die 16 Pauken im Verein mit den quadrofon angeordneten Blechbläsern und den aus dem Wiener Singverein und der Wiener Singakademie rekrutierten Hundertschaften des Chores den ehrwürdigen Goldenen Saal wie durch ein Erdbeben erzittern ließen.

Bertrand de Billy behielt in diesem verwirrenden Geschehen mit präziser, sympathisch untheatralischer Zeichengebung stets den Überblick und staffelte es - frei aus dem Gedächtnis - dynamisch und rhythmisch auch an den stilleren Stellen präzise und konzentriert. Johannes Prinz und Heinz Ferlesch haben die Chöre mit entsprechender Genauigkeit vorbereitet, und Saimir Purgu hat im Sanctus mit hellem, etwas engem Tenor das Solo gesungen. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2008)

 

Weitere Aufführung: Wiener Konzerthaus, 19.30 Uhr

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