Anne Sofie von Otter: "Oper war nicht mein Ding"

12. November 2008, 18:54
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Zur Premiere von "The Rake's Progress" im Theater an der Wien: die schwedische Mezzosopranistin im Interview

Bei der Premiere am Donnerstag gibt die Sängerin ihr Hausdebüt als Türken-Bab. Anne Sofie von Otter sprach mit Ljubiša Tošić über Nikolaus Harnoncourt und Elvis Costello.


Wien - Die wenig erheiternden Veränderungen der CD-Branche lassen sich auch an Äußerlichkeiten erkennen: "Was wir seit Jahren erleben, ist ein Dauerbeben! Meine Plattenkarriere begann 1987, und die ersten drei Jahre waren ja super, doch dann begann es: Man wurde nicht mehr mit dem Auto vom Flughafen abgeholt, dann sind die schönen Mahlzeiten verschwunden; und schließlich fingen die Firmen an, weniger aufzunehmen. Mittlerweile muss man einen Sponsor haben, um überhaupt etwas herausbringen zu können. Natürlich ist auch ein Tourneeplan erforderlich. Wenn ich nicht sagen kann: Ich präsentiere das Projekt in London, Paris und Wien, macht sich die Firma Sorgen."

Anne Sofie von Otter, 53, eine der wichtigsten Mezzosopranistinnen der Gegenwart, macht sich keine: "Ich habe so viel Arbeit, wie ich möchte. Mir ist vor allem wichtig, präsent zu bleiben und mit guten Dirigenten zu arbeiten - das ist herrlich!" Ihre Definition jener Typen da vorne: "Ein guter Dirigent ist jemand, der sich traut, Musiker zu sein, und nicht kaputtgestresst wird von der Situation, in der er arbeiten muss. Ein schrecklicher Beruf: Vor 90 Leuten zu stehen, die es zu motivieren gilt. Da schätze ich Abbados Energie und Harnoncourts Besessenheit."

Letzterer erzähle bei den Proben zu The Rake's Progress im Theater an der Wien "spannende Sachen. Er hat als Orchestermusiker noch unter Komponist Igor Strawinsky, der auch dirigiert hat, gespielt!" Seit 1. Oktober probt sie in Wien, wobei: "Die Rolle der Türken-Bab ist nicht so groß, ich konnte zweimal nach Hause fliegen. Wenn man länger weg ist, ist es am Anfang ja immer behaglich. Man muss nicht putzen und kochen, kann Bücher lesen. Mir allerdings fehlt bald die Familie. Ich rufe dann meinen Mann in Stockholm an, will, dass er kommt. Diesmal geht es leider nicht. Und auch meine zwei Söhne - sie sind 17 und 20 - wollen nicht kommen. Als sie klein waren, waren sie viel mit mir unterwegs. Das hat ihnen wohl gereicht. Also, wenn man bei Opernproduktionen intensiv beschäftigt ist, sind die Gefühle durchaus gemischt."

Man weiß natürlich nie, was auch an angenehmen Dingen passieren kann: "Bei manchen Konzerten in London saß regelmäßig Elvis Costello mit seiner Frau im Publikum. Er lebte ein Jahr lang dort und wollte sich offenbar ein bisschen weiterbilden. Er hat auch einen Zyklus mit allen Schostakowitsch-Quartetten besucht. Irgendwann waren in meiner Garderobe Grußkarten und Blumen, die er mir schickte. Ich dachte, da müssten wir uns doch zumindest einmal Guten Tag sagen. So lernten wir einander kennen, und ich habe ihn gefragt, ob er nicht für mich ein paar Lieder schreiben könnte."

Das Album For The Stars "hat sich sehr gut verkauft, glaube ich. Aber deshalb habe ich es nicht angebahnt. Ich habe ja an sich ein Faible für Popmusik." Glaubhaft schildert von Otter jedenfalls, dass sie einst weder Sängerin werden wollte, noch gerne in die Oper ging: "Das war nicht mein Ding. Ich wollte zunächst Tänzerin werden oder eine akademische Laufbahn einschlagen. Mit dem Gesang wurde es erst mit 19 ernst. Ich sang zwar im Chor, Gesangsunterricht nahm ich aber zunächst nur, um mich besser für den Chor vorzubereiten." Es kam anders, und "die Karriere erreichte ein Niveau, an dem man immer beweisen muss, dass man da oben hingehört. Nicht so einfach, wenn dann junge Sängerinnen nachkommen." Die Netrebko findet Anne Sofie von Otter übrigens "großartig!" .
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2008)

 

 

  • Ab heute im Theater an der Wien in Strawinskys Oper "The Rake’s Progress"  zu hören – Anne Sofie von Otter.
    foto: bäcker

    Ab heute im Theater an der Wien in Strawinskys Oper "The Rake’s Progress"  zu hören – Anne Sofie von Otter.

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