Humor wahren in einer explosiven Situation

12. November 2008, 18:43
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Jüdisches Filmfestival in Wien: Eran Riklis, Regisseur des tragikomischen Eröffnungsfilms "Lemon Tree", im Interview

Das Jüdische Festival widmet von 13. bis 27. November Arbeiten mit dem "Fokus Israel und Palästina" eine gleichnamige Reihe. Mit Regisseur Riklis sprach Dietmar Kammerer.


Standard
: "Lemon Tree" stellt den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern anhand eines Streits unter Nachbarn dar. Warum haben Sie diese kleine Perspektive auf ein weltpolitisches Thema gewählt?

Riklis: In dieser einfachen Geschichte ist alles drin: der Streit zwischen Nachbarn, der regionale Konflikt und die Weltpolitik. Alles zusammen. So geht es, denke ich, heute in der Welt zu: Ein kleiner Konflikt könnte eine ganze Armee auf den Plan rufen. Alles ist miteinander verbunden.

Standard: Dennoch ist der Aufbau sehr simpel. Salma, eine palästinensische Witwe, auf der einen Seite, ein isrealisches Ehepaar auf der anderen. Und in der Mitte der umstrittene Zitronenhain.

Riklis: Das ist ja das Schöne. Selbst ein Publikum, das nichts über den Konflikt weiß, kann die Geschichte verstehen. Das ist für mich entscheidend. Ein Film mit politischem Thema muss verständlich sein, sonst hat er keinen Wert. Er muss sein Publikum erreichen. Ich mag Filme, die Zugänglichkeit und Niveau miteinander vereinbaren.

Standard: Ihr Film sieht das Handeln mancher seiner Figuren durchaus kritisch, verurteilt diese aber nicht. Auch nicht Navon, den Verteidigungsminister Israels, dessen Sturheit das Drama erst auslöst.

Riklis: Das war der schwierigste Balanceakt: Wie stelle ich den Verteidigungsminister dar? In Israel ist das schließlich ein heikles Thema. Mir war vor allem wichtig, ihn nicht als Dummkopf abzustempeln. Man muss sich nicht mit ihm identifizieren, aber man muss ihn zumindest verstehen können.

Standard: Der Film mischt tragische und komische Elemente.

Riklis: Erstens ist Humor ein großartiges Instrument. Zweitens steckt Humor in allen Dingen. Man kann von einem Begräbnis zu einer Hochzeitsfeier schneiden oder umgekehrt. So ist das Leben schließlich. Gerade in einer potenziell explosiven Situation, wie sie der Film erzählt, muss man sich seinen Humor bewahren.

Standard: Ebenso in den Begegnungen mit der Bürokratie. Der Staatsapparat wird als eine reichlich absurde Veranstaltung vorgeführt.

Riklis: Das ist quasi Teil der Tradition des Nahen Ostens. Ich meine nicht Bürokratie, wie man sie im Westen kennt, als Teil des Staates. Es geht darüber hinaus. Das ganze Leben ist "Bürokratie" . Alles ist kompliziert, für alles braucht man eine Zustimmung. Dabei liegt die einfachste Lösung manchmal vor aller Augen. Nur erkennt sie keiner. Ich wollte zeigen, wie bürokratisches Denken tickt. Jemand sagt: Die Zitronenbäume sind gefährlich! Was sollen wir tun? Wir fällen sie! Weg damit!

Standard: Salma muss ihre Freiheit auch gegenüber ihrer eigenen Gemeinde einklagen.

Riklis: Das ist von ihr vermutlich noch mutiger, als sich gegen den Minister zu stellen. Als Palästinenserin ist sie ohnehin gegen alles, wofür dieser Mann steht. Aber dem Druck der eigenen Leute zu widerstehen, das ist schon etwas, wenn niemand ihr zur Seite steht - mit Ausnahme des jungen Anwalts.

Standard: Könnte die Zivilgesellschaft beiderseits der Sperranlagen den Konflikt besser lösen als die staatlichen Institutionen? Wäre ein Wandel dadurch möglich, dass man sich als Nachbarn anerkennt?

Riklis: Man erlebt es ja jeden Tag, dass Menschen, die auf entgegengesetzten Seiten stehen, einander auch friedlich begegnen können. Aber ich glaube, es ist naiv, sich davon eine schnelle Lösung zu erwarten. Letzten Endes treffen die politischen Kräfte die Entscheidungen.

Standard: Immerhin wird die Klage einer Palästinenserin vorm Höchstgericht Israels zugelassen. Damit zeigt der Film großes Vertrauen in die Institutionen.

Riklis: Ja, wenn alle Kriege vor Gericht gelöst werden könnten, wäre das eine wunderbare Situation.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2008)

 

Programm:
Das Jüdische Filmfestival 2008 findet von 13. bis 27. November in Wien im Metro-, im Votiv- und im De-France-Kino statt. Neben dem "Fokus Israel und Palästina" mit Arbeiten israelischer und palästinensischer Filmschaffender ist etwa ein Tribute dem Schauspieler Otto Tausig gewidmet. Die Retro gilt dem Jiddischen Kino der 30er-Jahre; zwei Stummfilme werden im Nestroyhof zu Live-Musik aufgeführt. Im Hauptprogramm sind unter anderem neue Spielfilme von Amos Kollek ("Restless"), Claude Miller ("Un secret") und Georg Mischs in Marokko soeben prämierte Dokumentation "Der Weg nach Mekka" zu sehen. (irr)

Link: www.jfw.at

 

  • Kampf um Zitronenhain wird zum Medienspektakel: Hiam Abbas (Mitte) in "Lemon Tree" . 
 
 
 
    foto: filmladen

    Kampf um Zitronenhain wird zum Medienspektakel: Hiam Abbas (Mitte) in "Lemon Tree" .

     

     

     

  • Eran Riklis, geb. 1954, Regiedebüt 1984; sein vorletzter Spielfilm, "Die syrische Braut" , wurde 2004 bei Festivals in Montréal und Locarno prämiert. Lebt in Tel Aviv.
 
 
    foto: filmladen

    Eran Riklis, geb. 1954, Regiedebüt 1984; sein vorletzter Spielfilm, "Die syrische Braut" , wurde 2004 bei Festivals in Montréal und Locarno prämiert. Lebt in Tel Aviv.

     

     

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