Nach uns die Eiszeit

12. November 2008, 19:28
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Trotz Erderwärmung sehen zwei Klimaforscher Anzeichen dafür, dass in ferner Zukunft weite Teile des Planeten vereisen werden: Auslöser dafür könnten Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde um die Sonne sein

London - Man würde ungefähr das Jahr 12.000 unserer Zeitrechnung schreiben - wenn es dann noch Menschen geben sollte. Große Teile der Erde befinden sich in tiefgekühltem Zustand. In der nördlichen Hemisphäre ist ein massiver Eispanzer bis auf die nördliche Breite von Wien und Chicago vorgedrungen. Auf der Südhalbkugel reicht das Polareis bis weit nach Patagonien auf das südamerikanische Festland hinein.

Der Planet steht am Anfang einer neuen Eiszeit. Doch im Gegensatz zu den verschiedenen globalen Kälteperioden des Pleistozäns (von 1,8 Millionen bis vor rund 12.000 Jahren) handelt es sich diesmal um einen weitgehend stabilen Zustand der Vereisung, der Hunderttausende Jahre lang anhalten wird. Große Teile der Welt erstarren im Eis, die Evolution wird neue, angepasste Lebensformen hervorbringen müssen.

Das klingt nach gruseliger Science Fiction - und angesichts der globalen Klimaerwärmung und schwindender Gletscher nach einem zynischen Scherz. Ernsthafte Berechnungen, die zu diesem Szenario führen können, wurden nun im renommierten britischen Wissenschaftsmagazins "Nature" (Bd. 456, S. 226) veröffentlicht.

Angestellt haben sie der Paläoklimatologen Thomas Crowley von der University of Edingburgh und William Hyde von der University of Toronto. Und die beiden Forscher meinen, dass diese künftige Dauereiszeit eine natürliche Stufe in der Entwicklung des Weltklimas sein könnte.

Von Klimaschwankungen ...

Der Hintergrund dieses überraschenden Ergebnisses: Wissenschafter sehen die zunehmend starken Klimaschwankungen der vergangenen zwei Millionen Jahren - der schnelle Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten - als Anzeichen einer bevorstehenden stabilen Phase. Mit Temperaturen auf sehr niedrigem Niveau.

Crowleys und Hydes Simulationen berücksichtigen unter anderem die Fließgeschwindigkeit der sich bildenden Gletscher, deren Gewicht, die Sonneneinstrahlung und den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Die Ergebnisse weisen auf eine starke Eigendynamik der Vereisung hin.

Ab einem bestimmten Punkt könnten zukünftig die Eispanzer so ausgedehnt und mächtig werden, dass der sogenannte Albedo-Effekt - also die Reflexion von Sonnenenergie zurück ins All -, die Sommerschmelze praktisch verhindert und so eine Kettenreaktion in Gang setzt.

Die Eisflächen wachsen dann rapide an, der Meeresspiegel sinkt um bis zu 350 Meter. Am Ende dieses Prozesses dürfte eine weitgehend symmetrische Vereisung der beiden Hemisphären stehen. Dies wäre der Endpunkt einer 50 Millionen Jahre langen Entwicklung von einem bipolar eisfreien Klima zu einer bipolaren Eiszeit, so die beiden Experten.

"Die ursprünglichen Auslöser der Klimaschwankungen sind periodische Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde", erklärt Thomas Crowley gegenüber dem STANDARD. Sie haben direkte Auswirkung auf die Menge der eingestrahlten Sonnenenergie, vermehren oder verringern sie.

... zum Gleichgewicht der Kälte

Folgeeffekte wie der oben beschriebene und natürlich auch die CO2-Bilanz setzen die Erwärmung oder Abkühlung fort - bis zum Erreichen eines kurz- oder langfristigen Gleichgewichts. Zu Beginn des Pliozäns vor rund fünf Millionen Jahren (also lange vor dem Einsetzen der regelmäßig auftretenden Eiszeiten) betrug die CO2-Konzentration der Atmosphäre rund 360 p.p.m., während der vergangenen 20.000 Jahre lag sie bei rund 240 p.p.m., und heute bei vom Menschen gemachten 380 p.p.m.

Homo sapiens, so Crowley, könnte die zukünftige Eiszeit durch geringfügige Erhöhung der CO2-Konzentration im Prinzip auf unbestimmte Zeit verschieben. Wenn ihm nicht die Folgen der momentanen, extrem schnellen Klimaerwärmung den Garaus macht. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 11. 2008)

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    Wenn der Mensch nicht alles anders kommen lässt, könnte in 10.000 Jahren die Vergletscherung womöglich bis Wien reichen.

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