Kopf des Tages: Unternehmertyp für die Heilige Stadt

12. November 2008, 18:14
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Der Säkulare Nir Barkat ist neuer Bürgermeister von Jerusalem

"Ich verpflichte mich, die Würde aller Bürger der Stadt Jerusalem zu wahren" , rief der frisch zum Bürgermeister gewählte Nir Barkat (49) am Morgen nach seinem Sieg seinen Anhängern zu. Kommentatoren hatten etwas hochtrabend von einer "historischen" Entscheidung gesprochen. Es würde um den zukünftigen Charakter Jerusalems gehen, mit 750.000 Einwohnern die bei weitem größte Stadt Israels, und, in den Worten von Barkats legendärem Vorvorvorgänger Teddy Kollek, "die komplizierteste Stadt der Welt" .

Ein Drittel der Bürger sind Nichtreligiöse, ein Drittel religiöse Juden, ein Drittel Palästinenser. Unzählige andere Religionen, internationale Organisationen, fremde Länder verteidigen in Jerusalem Interessen und wollen mitreden.

Im Alltag hat Jerusalem aber auch einfach die normalen Probleme einer Großstadt, die den Spagat zwischen Traditionen und moderner Urbanität schaffen muss. Barkat, der mit seiner aus den USA stammenden Frau Beverly drei Töchter hat, ist vor sechs Jahren in die Politik gegangen, weil Jerusalem zur "ärmsten Stadt Israels" geworden ist. Er will Arbeitsplätze schaffen, erschwingliche Wohnungen bauen und die Lebensqualität verbessern, damit die Abwanderung der jungen nichtreligiösen Familien gestoppt wird.

Barkat will damit aber zugleich auch der "Gefahr" entgegenwirken, "dass Jerusalem vielleicht schon 2035 seine jüdische Mehrheit verliert". Eine Teilung Jerusalems, wie sie mit den Palästinensern zur Verhandlung steht, lehnt er strikt ab. Für die Palästinenser in Ost-Jerusalem, die "nicht in angemessener Weise ihre Rechte bekommen", will er "den Service verbessern".

Barkat, der im Alter von zwei Wochen mit seiner Familie nach Jerusalem übersiedelt war, diente sechs Jahre in einer Fallschirmjägereinheit und wurde 1980 als junger Offizier im Libanonkrieg verletzt. An der Universität Jerusalem studierte er Informatik und Betriebswirtschaft. 1988 gründete er mit drei Partnern die Hightech-Gruppe BRM, die mit einem der ersten Anti-Virus-Programme Millionen scheffelte.

Einiges von dem Geld steckte Barkat in Sozial- und Erziehungsprojekte. 2003 hängte er dann seine Privatgeschäfte an den Nagel, um als Quereinsteiger bei den Bürgermeisterwahlen zu kandidieren. Er kam auf stolze 41 Prozent, unterlag aber dem religiösen Uri Lupolianski. Nach fünf Jahren als Oppositionschef im Stadtrat ist der unabhängige smarte Unternehmertyp jetzt die große Hoffnung der säkularen Bürger Jerusalems, denen ihre Stadt zu muffig geworden war. (Ben Segenreich/DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2008)

 

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