Fußballkrieg in Mitteleuropa?

12. November 2008, 17:56
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Glaubt man nationalistischen rechtsradikalen Extremisten beidseits der Donau, so steht es sehr schlecht um die Beziehungen zwischen der Slowakei und Ungarn

Das erste weltweit erfolgreiche Buch des großen polnischen Reporters Ryszard Kapuœciñski, "Der Fußballkrieg" , beschäftigte sich mit dem 1969 ausgebrochenen bewaffneten Konflikt zwischen Honduras und El Salvador, der durch die Zusammenstöße bei einem Qualifikationsspiel für die WM ausgelöst wurde. Glaubt man nationalistischen rechtsradikalen Extremisten beidseits der Donau, so steht es nach Ausschreitungen bei einem Fußballspiel in Dunajska Streda im Zentrum der ungarischen Minderheit in der Slowakei auch sehr schlecht um die Beziehungen zwischen der Slowakei und Ungarn.

Bei dem Spiel zwischen Slovan Bratislava und der lokalen Mannschaft DAC vor 10.000 Fans (und 1020 Polizisten) gingen die Ordnungskräfte gegen etwa 250, offensichtlich in provokativer Absicht aus Ungarn angereiste Fans außerordentlich brutal vor. Fünfzig Menschen wurden verletzt, 31 Rowdys, darunter 15 Ungarn, in Haft genommen und nach einigen Stunden freigelassen. In der Folge kam es zu rechtsradikalen Demonstrationen vor der slowakischen Botschaft in Budapest. Am Montag blockierten ungarische Rechtsextremisten Grenzübergänge zur Slowakei. Der Chef der in der slowakischen Koalitionsregierung vertretenen Nationalpartei, Jan Slota, hatte nach den Blockaden den Abbruch diplomatischer Beziehungen zu Ungarn verlangt.

Dieser mit zügellosen antiungarischen Schlagworten operierende Nationalist (seine Partei hat 20 Abgeordnete im 150-sitzigen Parlament) hat mit seinen hetzerischen Parolen mehr als jeder andere Politiker die Atmosphäre vergiftet und den ungarischen Rechtsextremisten Auftrieb gegeben.

Die Aufmärsche der rechtsradikalen ungarischen Garde in schwarzen, an die ungarischen Nazis erinnernden Uniformen und die Transparente zur Revision des Trianon-Vertrags wecken andererseits die "Urangst" der Slowaken vor dem neuerlichen Verlust der südslowakischen Gebiete. Das wiederum ermuntert den linkspopulistischen Premier Fico und den rechtskonservativen Präsidenten Ivan Gašparoviè, nationalistische Leidenschaften zu tolerieren.

Dass die Slowakei im Gegensatz zu Ungarn schmerzhafte Reformen durchgeführt hat und ab Anfang 2009 sogar den Euro einführen kann, ist freilich das Verdienst der früheren gemäßigten Dzurinda-Miklós-Regierung, die übrigens auch die damalige Führung der Ungarnpartei SMK massiv unterstützt hat. Die von den Nationalisten auf beiden Seiten aufgeschaukelten Spannungen sind in einem in der EU verankerten "entgrenzten" Mitteleuropa vollkommen sinnlos. Man muss offen aussprechen, dass trotz der Provokationen der ungarischen Extremisten die Schuld für die Verschlechterung der zwischenstaatlichen Beziehungen nicht bei der Budapester Regierung liegt. Im Gegensatz zu ihren slowakischen Kollegen haben sich Premier Ferenc Gyurcsány und Außenministerin Kinga Göncz stets gegen die Provokationen auf beiden Seiten und für Versöhnung ausgesprochen und zugleich auch zu Hause fremdenfeindliche und antisemitische Haltungen mutig ohne Wenn und Aber verurteilt. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Pritnausgabe, 13.11.2008)

 

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