Umzug der Obamas hält Washington in Atem - Mit Video

12. November 2008, 17:24
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Die Kodenamen der Obama-Familie für den Sicherheitsdienst stehen fest, die Schule für die Töchter nicht - Weil die politischen Nachrichten fehlen, beschäftigt sich Washington mit dem Umzug der Präsidentenfamilie

Die Zeit nach der Wahl, es ist die Zeit, in der der Sieger im stillen Kämmerlein an seinem Kabinett bastelt und nach draußen nur magere Informationshäppchen gibt. Es ist die Zeit, in der die Nation über die Tarnnamen grübelt, die der Secret Service den Obamas zwecks unauffälligerem Schutz verlieh. Barack ist Renegade, Michelle Renaissance, die zehnjährige Malia Radiance und Sasha, mit sieben das Nesthäkchen, Rosebud. Renegade, der Renegat, der Überläufer - wer ist ausgerechnet darauf gekommen? Bill Clinton war Eagle, der Adler. Laura Bush wurde unter der Chiffre Tempo bewacht, warum auch immer. Bei Joe Biden dagegen, dem Vize Obamas mit seinen irischen Wurzeln, macht der Deckname Sinn. Biden heißt Celtic.

Schließlich ist es die Zeit, in der es das "Wow!" zufälliger Augenzeugen bis auf die Titelseite der Washington Post schafft. Nicolo Pisoni ist so ein Zeuge. Der Zehnjährige hat Michelle Obama auf seiner Schule gesehen, der Georgetown Day School, angesiedelt im ältesten, charmantesten Viertel der Stadt. "Unsere Lehrer wollten Michelle zeigen, dass es ein ganz normaler Schultag war und wir keine verrückten Kids sind" , erzählt er, "sie wollten nicht, dass wir sie um ein Autogramm bitten."

Nicolo Pisonis Bericht ist auf der ersten Seite der Hauptstadtzeitung gelandet, gehört er doch zu den wenigen handfesten Nachrichten, die es über den Umzug der Obamas nach Washington gibt. Die künftige First Lady sucht eine Schule für ihre Töchter, was wiederum so etwas wie einen Grundsatzstreit provoziert. Wachsen die Mädchen im normalen Lehrbetrieb heran? Oder in der privaten Nische?

Die Sache ist knifflig. Nicht nur, weil die Georgetown Day, 1945 von einer Freundin der legendären Eleanor Roosevelt gegründet, nicht ganz billig ist, das heißt: elitär. Je nach Altersstufe kostet sie zwischen 26.000 und 30.000 Dollar pro Schüler und Jahr. Theoretisch müssten Demokraten wie die Obamas mit ihrem Staatsverständnis der öffentlichen Variante stets den Vorzug geben. Aber staatliche Schulen haben, von Ausnahmen abgesehen, nicht den besten Ruf in Washington. Es hapert an der Disziplin.

Der letzte US-Präsident, der sein Kind auf eine solche Schule schickte, war Jimmy Carter. Seine Amy ging ab der dritten Klasse auf die Thaddeus Stevens Elementary School, fünf Häuserblocks entfernt von ihrer Wohnung. Ihr Vater wollte sein egalitäres Weltbild betonen. Bei Chelsea Clinton war das schon anders. Sie besuchte Sidwell Friends, privat und teuer, im grünen Nordwesten der Stadt. Auch Michelle Obama, munkelt man, hat sich an der Sidwell umgesehen.

Wie immer in Wechselzeiten geht die Bundeshauptstadt ihrer Lieblingsbeschäftigung nach, dem Rätselraten darüber, wer "in" und wer "out" ist in der neuen Regierung. Das bezieht sich nicht nur auf Minister und Staatssekretäre, sondern auch auf Dinner-Restaurants und Denkfabriken. Das "Capital Grille" ? Out! In dem Steak-Haus bissen die Texaner, die George W. Bush mit an den Potomac gebracht hatte, gern in übergroße Fleischscheiben. Die Großstadtbewohner Chicagos, die im Tross Obamas an die Ostküste wechseln, schwören eher auf Rucolasalat. Das American Enterprise Institute, als Ideenschmiede die geistige Heimat der Neokonservativen? Out!

"In" ist die Clinton und nun Obama nahe stehende Brookings Institution, die unter Bush ins innere Exil ging und auf ihre Renaissance hofft. Schließlich die Immobilienmakler, die mit jedem Regierungsumzug aufs große Geschäft hoffen. Tausende Berater, die in die Hauptstadt umziehen, sind das nicht auch tausende neue Hauskäufer? "Nicht bei Obama" , sagt eine Maklerin und stellt - ein wenig betrübt - eine Faustregel auf: "Republikaner kaufen, Demokraten mieten." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2008)

 

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