Die Post neben dem Müsli

12. November 2008, 17:19
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In Schweden war die Postreform erfolgreich. Service und Image der Post verbesserten sich mit der Auslagerung der Dienste in Supermärkte und Kioske. Kehrseite ist die Abwicklung von tausenden von Arbeitsplätzen

Stockholm - "Ich hätte gerne eine Schachtel Marlboro Gold und möchte dieses Paket aufgeben", sagt ein Mann, während er ein eingewickeltes Päckchen neben sein Müsli und einen Karfiol auf das Laufband der freundlichen Kassiererin in der kleinen Supermarktfiliale ICA in der Handverkagatan in Stockholm legt. Das braunhaarige Mädchen an der Kasse ruft über ein Mikrofon ihren Kollegen im Lager. Der eilt herbei und kümmert sich um das Paket, während sie den Einkauf abrechnet.

In Schweden findet es niemand mehr seltsam, dass die Post in Supermärkte, Kioske und Tankstellen eingeschmolzen wurde, auch die Gewerkschaften nicht.
Das Königreich war 1993 das erste Land Europas, das den Postmarkt deregulierte und sehr zeitig über die Wirtschaftlichkeit der Post nachdachte. Anfangs waren die Kunden misstrauisch, das Image der Post im sehr staatlich geprägten Schweden litt sehr stark bei der Umstrukturierung. Dieses war aber auch schon zuvor schlecht.
"Veränderungen haben anfänglich oft die Tendenz, dass sie negativ erlebt werden. Gerade bei der Post sind die Menschen sehr empfindlich. Sie ist so tief im Verständnis einer Nation verwurzelt. Inzwischen gibt es eigentlich kaum mehr Kritiker"
, sagt Susanne Flyckt, Strategiechefin der schwedischen Post. Allerdings habe es anfänglich gerade bei den älteren Postmitarbeitern einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, um ihnen klarzumachen, wie notwendig die Umstellung war, sagt sie.

Für schwedische Privatkunden hat sich die 2001 begonnene Auslagerung der Postdienste in rund 1600 Supermärkte und Kioske gelohnt. Der Weg für die Aufgabe oder die Abholung von Paketen und Briefen hat sich für viele Schweden deutlich verkürzt, genauso wie die Wartezeiten. Es gibt deutlich mehr Servicestellen. Zudem profitieren die Kunden von den deutlich längeren Öffnungszeiten, die im Durchschnitt zwischen acht Uhr morgens und 22 Uhr liegen. Die Briefträger der schwedischen Post tragen nur mehr Briefe aus.

Basispostdienst

Auch alles rund um den Basispostdienst, wie Briefmarken und Briefumschläge, können bei den Poststellenvertretern (Postombud) erworben werden. Von den ursprünglich knapp 2000 offiziellen Filialen der schwedischen Post gibt es keine mehr. 380 besonders zentral liegende Filialen wurden allerdings in Poststellen für Unternehmen umgewandelt, weil diese Sonderleistungen benötigen, mit denen ein Supermarkt überfordert wäre.

Zusätzlich werden diese Poststellen auch noch immer von Privatkunden genutzt, und die Post an sich gibt es somit nur noch im Stadtbild größerer Städte.
Zusätzlich können Kunden bei insgesamt 2200 Einzelhändlern Briefmarken ohne Aufschlag kaufen. Allerdings gab es kürzlich einen Skandal, als bei rund 70 Händlern 600 gefälschte Briefmarken entdeckt wurden, und auch sonst wird immer wieder ein wenig Kritik an den privaten Servicestellen laut. Die Post unterstreicht, dass jeder Postvertretung eine Kontrollperson, die bei der Post angestellt ist, zugeordnet wurde, und man die Qualität der privaten Dienststellen ständig überwacht.

Letztlich ist das Servicenetz der Post spürbar engmaschiger geworden. Pakete lagern nicht mehr so lange an den Abholstellen. Sie werden innerhalb von drei Tagen von Kunden geholt. Früher dauerte es bis zu zehn Tage, weil die Poststellen oft weiter weg und weniger waren.

Auch Kiosken und Supermärkten ist die zusätzliche Einnahmenquelle willkommen. Die Betriebe werden flexibel bezahlt, entsprechend dem Aufkommen an bearbeiteten Postaufträgen. Das Porto wurde seit dem Jahr 2001 nicht mehr erhöht. (André Anwar, Stockholm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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    Die Postboten in Schweden bringen nur mehr Briefe. Sperrige Pakete oder Gelddienste werden über Supermarktketten abgewickelt

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