"Lasst sie sterben"

13. November 2008, 17:21
55 Postings

Wifo-Experte Franz Hahn im derStandard.atInterview

derStandard.at: Im Sommer 2007 haben Sie - wie viele andere auch - die Lage vergleichsweise harmlos eingeschätzt. Worin haben Sie sich am gründlichsten geirrt?

Franz Hahn: Ich habe nicht hinreichend klar gesehen, dass in den USA alle regionalen Immobilienmärkte gleichzeitig betroffen sein werden. Das ist historisch einmalig. Früher waren solche Krisen regional begrenzt. Zweitens: Es hat nicht nur diese Subprimes gegeben, also die Immobilien mit geringerer Qualität. Mit den Subrimes waren auch die nächstbesseren Immobilien betroffen und dann die wirklich guten. Das war ein Flächenbrand.

derStandard.at: Gab es sonst noch Überraschungen?

Hahn: Ich habe nicht geglaubt, dass die US-Regierung eine so große Bank wie Lehman Brothers fallen lässt. Jeder ist immer davon ausgegangen, dass die großen amerikanischen Banken too big to fail sind. Damit, dass die Regierung diese Bank sterben ließ, waren die Regeln plötzlich anders.

derStandard.at: War das der US-Regierung bewusst?

Hahn: Das wurde lange diskutiert. Jetzt - glaube ich - würde man das nicht mehr machen. Jetzt muss man flächendeckend die großen Banken stützen. Die Frage ist, ob das eine billiger ist, als das andere gewesen wäre.

derStandard.at: Wäre es gescheiter gewesen, Lehmann aufzufangen?

Hahn: Ich glaube schon. Das hätte auch einen Anpassungsprozess ausgelöst, auch dann wären alle Investmentbanken weg gewesen. Der Fall hat zu den bekannten dramatischen Reaktionen geführt. Etwa, dass dann plötzlich alle Banken, die mit Lehman - auch indirekt - zu tun hatten, enorme Liquidätsschwierigkeiten bekamen. Durch die Börsenentwicklung sind viele kalt erwischt worden. Nicht nur die Kommunalkredit, sondern eine Reihe anderer Banken auch.

derStandard.at: Ein Teufelskreis setzte sich in Gang...

Hahn: Die Banken haben mehr und mehr gesehen, unsere Aktiva in den Bilanzen werden immer wertloser, wir müssen immer mehr Eigenkapital nehmen. Der Witz an der Sache war, dass die Banken gezwungen waren, ihre Assets zu verkaufen, dadurch haben sie noch stärker den Kurs gedrückt. Das war eine Spirale nach unten und man musste einen Floor einziehen. Die Bewertungskriterien für die Banken wurden geändert. Dann musste man die Banken stützen, damit sie handlungsfähig sind.

derStandard.at: Die Bankenstützung war notwendig?

Hahn: Ja. Banken stützt man ja nicht nur um ihrer selbst Willen, sondern wegen der gravierenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft.


derStandard.at: Die Stützung der Banken wurde daran gekoppelt, dass die Banken an Unternehmen Kredite vergeben. Wie können wir sicher sein, dass da nicht wieder riskant spekuliert wird?

Hahn: Die Banken können derzeit gar nicht riskant spekulieren. Das könnte man an den Aufsichtsbehörden nicht vorbeischwindeln. Wenn die Neukreditvergabe nicht ausreichend dynamisch ist, weiß man, dass die Banken nichts tun.

derStandard.at: Wo Sie sich nicht geirrt haben, Österreich steht trotz allem vergleichsweise besser da, als so manche andere Länder.

Hahn: Wenn die Stützungen für den Finanzsektor ausreichend stabilisierend wirken, und die Auswirkungen auf den Realbereich in Grenzen gehalten werden können, sind die Einschätzungen nach wie vor richtig: Mit einer positiven Stagnation oder einem Wachstum knapp über Null, also mikroskopisch messbar. Die Rückkehr zum normalen Trendwachstum wird wohl in zwei, drei Jahren erreicht sein.

derStandard.at: Am Weltfinanzgipfel sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Ein großes Thema sind zum Beispiel die Managergehälter.

Hahn: Die Diskussion um die Managergehälter ist für den Boulevard. Dafür sorgt schon der Markt, dass hier einmal die Auswüchse gestoppt werden. Die Manager werden jetzt einmal keine Boni kassieren, anderes ist auch für die Reputation einer Bank nicht mehr zuträglich. Die Incentiv-Strukturen in den Banken werden geändert, vieles wird automatisch passieren. In Zukunft werden die Governance-Strukturen ein Marketinginstrument sein. Man muss auch den Druck wegnehmen, dass die Kundenberater alles Mögliche verkaufen, nur damit sie ihre Performance verbessern und ihre Boni kassieren.

derStandard.at: Sie vertrauen weiter auf den Markt?

Hahn: Ich halte nicht sehr viel davon, den Anreiz für Finanzinnovationen zu verbieten. Das macht nahezu überhaupt keinen Sinn. Das war auch nicht das Problem. Die bestehenden aufsichtsrechtlichen Bestimmungen haben Banken dazu verleitet, dass sie Eigenkapitalbestimmungen durch Finanzinnovationen umgehen. Das sollte man verhindern.

derStandard.at: Wie soll das gehen?

Hahn: Sehr viele Ökonomen - darunter auch ich - glauben, dass man jetzt nicht wieder das Rad zurückdrehen soll und sagen, jetzt regulieren wir restriktiver und erhöhen Stabilität, dafür verlieren wir an Effizienz. Einige dieser aufsichtsrechtlichen Bestimmungen haben dafür gesorgt, dass diese Verwerfungen an den Finanzmärkten überhaupt erst ausgelöst wurden. Daran muss man arbeiten.

derStandard.at: Die größte Angst haben Banker vor Überregulierung.

Hahn: Die Angst der Banken würde mich nicht so sehr kümmern. Extreme und falsche Regulierung schon. Flächendeckend den gesamten Finanzbereich zu überwachen ist organisatorisch unmöglich und verleitet dazu, die aufsichtsrechtlichen Bestimmungen zu umgehen. Davon, Hedgefonds zu kontrollieren, halte ich auch nichts. Ich halte aber sehr viel davon, den Banken, die mit Hedgefonds kooperieren, viel stärkere aufsichtrechtliche Bestimmungen zu verordnen. Ist eine Großbank zum Beispiel der Primebroker von einem Hedgefonds, sollte sie viel höhere Eigenkapitalbestimmungen erfüllen, als eine Bank, die im Kommerzkundengeschäft tätig sind.

derStandard.at: Das heißt, höheres Risiko, höhere Eigenkapitalvorschriften?

Hahn: Die Banken müssen selbst Eigenkapital nehmen und das kostet. Wenn eine Bank mit unregulierten Finanzdienstleistern Kreditbeziehungen unterhält, dann ist das erhöhtes Risiko - nicht nur mikro- sondern auch markoökonomisch. Das gilt für Banken, die international tätig sind und nicht für eine mittelgroße Regionalbank. Ein zweiter Punkt: Man schaut nur: Ist die Bank gesund, hat sie ausreichend Eigenkapital, hat sie ein ordentliches Risikomanagement. Man schaut aber nicht, wie das über den gesamten Sektor aussieht.

derStandard.at: Das heißt genau?

Hahn: Banken neigen in der Hochkonjunktur dazu, Kredite „mit leichter Hand" zu vergeben. Sie verstärken damit den Aufschwung und beschleunigen eine Blasenbildung. Platzt die Blase, dreht sich alles wieder um. Die Banken haben extrem viele Problemkredite und müssen dann auf Grund der Eigenkapitalbestimmungen sehr restriktiv sein, weil sie diese zum Teil wieder abschreiben müssen und die Risken wieder überbewerten.

derStandard:
Das begünstigen die bestehenden Eigenkapitalrichtlinien.

Hahn: Das ist das Dramatische. Auch jetzt unter Basel II bekommen Sie diese Prozyklik nicht weg. Das sollte man harmonisieren durch systemorientiertes Eingreifen. Zum Beispiel die Wirtschaft ist in Hochkonjunktur, die Banken bewerten Risken sehr niedrig und stellen sehr hohes Kreditvolumen zur Verfügung. Die Zentralbanken sehen aber, dass diese Hochkonjunktur dazu führt, dass die Inflation steigt und erhöhen ihre Referenzzinssätze und signalisieren, da ist eine Entwicklung in Gange, die zu Inflationsdruck führt. Eine Möglichkeit wäre bessere Abstimmung zwischen Finanzmarktaufsicht und Geldpolitik. Dass man etwa sagt, wenn so ein Druck entsteht, beginnt man über das Anheben von Eigenkapitalunterlegungspflichten das Kreditangebot zu verteuern, sodass man die Banken auch zwingt, mehr Eigenkapital zu halten. In der Hochkonjunktur sollte man die Mindestkapitalerfordernisse zum Beispiel von acht Prozent auf zwölf Prozent heben können. Damit signalisiert man, da ist Stress im System. Wie die Banken damit umgehen, ist eine andere Geschichte. Aber man greift nicht in ihre Gestion ein.

derStandard.at: Wer muss kontrolliert werden?

Hahn: Sinnvoll wäre es, jene zu kontrollieren, die ganz zentral das Finanzsystem bestimmen - und das sind immer noch die Banken und nicht die Hedgefonds. Es würde genügen, wenn man viel konsequenter und effizienter den Bankensektor kontrolliert und dann genau beobachtet, was daraus wird. Sollten sich dann neben den Banken eine Art Nichtbanken etablieren, die die Finanzierung vornehmen, dann würde ich die hinein nehmen in den Aufsichtsbereich. Da müssen die Aufsichtsbehörden ausreichend Ermessensspielraum haben, dürfen nicht an fixe Regeln gebunden sein und sollen sich ähnlich wie die Geldpolitik an gesamtwirtschaftlichen Bedingungen orientieren müssen. Es ist überhaupt nicht die Aufgabe einer Aufsichtsbehörde, jede einzelne Bank zu retten, sie hat das System funktionsfähig zu halten. Wenn die Kommunalkredit absäuft, ist das ärgerlich für den Volksbankensektor, aber wenn das keine systemrelevante Bank wäre, würde man sagen: Lasst sie sterben.

derStandard.at: Wie sieht es mit Transparenz aus?

Hahn: Durch höhere Eigenkapitalunterlegungspflichten signalisiere ich nicht nur diesen Banken, sondern dem gesamten Markt, da ist Stress im System und jeder weiß, da müssen wir vorsichtig sein. Dann muss eine Bank argumentieren. Mein Eigenkapitalquote ist 13 Prozent, die Aufsichtsbehörde verordnet mir im nächsten halben Jahr zwölf Prozent, dann können die sagen - ok, wir lassen die 13 Prozent und reagieren nicht drauf. Das bedeutet eine Information für den Markt.

derStandard.at: Das heißt, Sie vertrauen weiterhin auf die Marktmechanismen?

Hahn: Ich vertraue auf die Kombination von effektiver Aufsicht und einer Information, die dem Markt über die Aufsichtsbehörden vermittelt wird. (Regina Bruckner)

  • Franz R. Hahn (56) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschaftsforschungsinstitut. Seine Spezialgebiete sind Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik. Im Sommer 2007 war er (hier im Chat) - wie viele andere auch - davon überzeugt, dass die Krise - die damals noch eine Immobilienkrise war - relativ glimpflich verlaufen würde.
 
    foto: derstandard.at/dass

    Franz R. Hahn (56) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschaftsforschungsinstitut. Seine Spezialgebiete sind Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik. Im Sommer 2007 war er (hier im Chat) - wie viele andere auch - davon überzeugt, dass die Krise - die damals noch eine Immobilienkrise war - relativ glimpflich verlaufen würde.

     

Share if you care.