Patientin Lust

16. November 2008, 18:30
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Für Frauen in den Wechseljahren gibt es ein Pflaster gegen Libidoverlust - Ein Testlauf der Hormonapplikation in den USA zeigte große Resonanz - Im Frauengesundheitszentrum ist man skeptisch: Zwang zur Lust müsste auch thematisiert werden

Es gibt Pflaster für Wunden, zur Nikotinentwöhnung, zur Verhütung. Und nun auch gegen ein "Frauenleiden", die Libidoschwäche. Die Ergebnisse einer von Procter & Gamble's finanzierten und in Auftrag gegebenen Testreihe zu den "Intrinsa Testosteron-Pflastern" für Frauen wurden kürzlich im "New England Journal of Medicine" vorgestellt: Eine hohe Dosis der männlichen Hormone, über ein Jahr appliziert, beschert Frauen nach den Wechseljahren einen sexuellen Aufschwung - einen "milden, aber signifikanten".

Testosteron macht Lust

Diese "Viagra für Frauen"-Wirkung haben auch schon kleiner angelegte Studien in den letzten Jahren gezeigt, aber die neue Testreihe konnte ihre Erhebungen aus einem deutlich größeren Datenpool beziehen. Vor der Teilnahme an der nach der griechischen Liebesgöttin Aphrodite genannten Studie beschrieben die Probandinnen - 841 an der Zahl, und von den Bewerbungen her wären es noch viele mehr gewesen - durchschnittliche zweieinhalb sexuelle Episoden pro Monat. Heißt nichts anderes, als dass sie etwa zwei bis drei Mal monatlich Sex hatten. Probandinnen, die die Testosteron-Kur mitmachten, berichteten von einer Steigerung ihrer sexuellen Aktivitäten von 2,1 Mal. Das stellt dem Ergebnisbericht zufolge einen signifikanten Anstieg im Vergleich zu der Placebogruppe dar: Diese Studienteilnehmerinnen beschrieben weniger als eine zusätzliche sexuelle Episode pro Monat. Auch die Zahlen zu Begehren, Lust, Orgasmus, Erregbarkeit und Selbsterleben waren bei den testosteronbehandelten Frauen doppelt so hoch als bei der Placebogruppe. Der Behandlungseffekt durch das Testosteronpflaster war unabhängig davon, welchen Ausgangswert an Testosteron die Studienteilnehmerinnen hatten.

Testosteron macht bärtig

Aber - und dieses Aber kommt mit einem heftigen Keulenschwung - wuchsen den sexuell wieder erweckten Frauen im Gegensatz zu den nicht hormonell behandelten Haare an Stellen, die beim weiblichen Geschlecht gewöhnlich als glatt bekannt sind: Im Gesicht. "Meistens war der Bartwuchs nur ein leichter", meinte die Studienleiterin Susan Davis von der Monash University im australischen Melbourne dazu: "Und es scheint kein Problem für die Frauen zu sein, sonst wäre die Ausstiegsquote aus der Testreihe viel höher gewesen." 

Testosteron macht krebskrank?

Ein weiteres Aber betrifft jedoch nicht die Oberfläche und Kosmetik: Auch die Brustkrebsrate ist bei der Testosterongruppe höher ausgefallen. Vier der 534 Behandelten erkrankten, in der 277 Personen starken Placebogruppe keine. Für Davis ist das kein ausreichender Grund, die Krebserkrankungen in direkter Verbindung zu der Testosterongabe zu setzen: In jeder auf zwei Jahre angelegten Studie müsse man davon ausgehen, dass einige Frauen an Brustkrebs erkrankten, meinte die Studienleiterin. Bei zwei der vier Erkrankten sei es sicher, dass der Krebs schon vor dem Beginn der Testreihe entstanden ist. Auch Vorabtests hätten keine derartig schwerwiegende Implikation gezeigt.

Vorsicht geboten

In einem Kommentar zu der Studie meinte Julia Heiman vom Kinsey Institute for Sex, Gender and Reproduction der Indiana University in Bloomington, dass die Aphrodite-Testreihe frühere Ergbenisse zu Testosterongaben an Frauen bestätige, was den positiven Effekt auf die weibliche Sexualität angeht, aber dennoch Vorsicht geboten wäre, "solange wir nicht wissen, ob und welcher Zusammenhang zwischen Testosteron bei Frauen und Brustkrebs besteht." Man müsste sich genau ansehen, welche Patientinnen ein höheres Risiko zu erkranken aufwiesen.

Unzureichende Informationen

Auch im Frauengesundheitszentrum Graz sieht man die Situation kritisch: "Eine einseitige biologische Intervention durch ein Testosteronpflaster ohne auf andere Zusammenhänge einzugehen, die für die Libido einer Frau eine Bedeutung haben, wird der Komplexität der Libido und der sexuellen Aktivitäten oder dem Nicht Praktizieren von Sexualität der meisten Frauen nicht gerecht", meint Geschäftsführerin Sylvia Groth gegenüber dieStandard.at. Durch das höher dosierte Testosteronpflaster wurden die Hormonspiegel der behandelten Frauen auf hohe Werte am oberen Ende der Normalskala angehoben, die für Frauen zwischen 18 und 24 Jahren typisch sind, erklärt die Expertin. "Welche Auswirkungen solch hohe Werte auf die Dauer haben, ist nicht erforscht." Die Studie hat Frauen mit natürlichen Wechseljahren zwischen 40-70 Jahren wie auch Frauen mit Eierstockentfernungen (Alter 20 bis 70 Jahre) eingeschlossen. "Frauen mit Eierstockentfernungen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammen geschlossen haben, weisen vehement darauf hin, dass sie vor der Operation über Auswirkungen der Eierstockentfernung auf ihre Libido und ihr Lebensgefühl häufig unzureichend informiert wurden", so Groth: "Hormongaben nach der Eierstockentfernung können dies ihrer Ansicht nach nur sehr unzureichend kompensieren, worauf auch diese Studie erneut hinweist."

Zu jung, um "so" zu leben

Studienleiterin Davis strich hingegen den enormen Zulauf zur Studie hervor: "Wir waren überwältigt von der Anzahl der Freiwilligen." Alle Bewerberinnen - aus den USA, Kanada, Australien und Großbritannien - berichteten von einem stark empfundenen Libidoverlust, der bei den einen nach der Menopause aufgetreten, bei den anderen durch chirurgische Eingriffe wie Hysterektomien bedingt war. "Diese Frauen sagen, dass sie 'zu jung' sind, um sich 'so" zu fühlen. Dass sie noch viele Jahre vor sich haben, in denen sie ihre Beziehungen auch sexuell erleben möchten. Und dass ihnen das wichtig ist."

Nicht zugelassen

Dass die Lust für viele Frauen als Patientin, die behandelt gehört, gesehen wird, dass ihnen häufiger Sex auch im fortgeschrittenen Alter wichtig ist, zeigen auch Schätzungen, wonach eine von fünf Testosteron-Verschreibungen in den USA nicht an einen Mann, sondern unter der Hand an eine Frau geht. Die US-Medikamentenzulassungsstelle FDA - ganz abgesehen von den Behörden in den EU-Staaten - hat bislang keiner Freigabe von Testosteron für Frauen zugestimmt.

Das hat einen guten Grund: "Es gibt keine Studien, die nach Ausschluss von anderen möglichen Ursachen einen Zusammenhang zwischen geringer sexueller Lust und niedrigem Testosteronspiegel belegen", betont FGZ-Groth. "Das heißt, dass Hypoactive Sexual Desire Disorder (der Mangel an sexuellem Verlangen) nicht zwingend durch einen niedrigen Testosteronspiegel ausgelöst werden muss." So würden Libidostörungen vielfach einfach als altersbedingt oder psychisch abgetan, erklärt die Expertin: "Sie können auch tatsächlich hormonbedingt sein." Dennoch: "Die Lust von Frauen und ihr Sexualorgan, die Klitoris, müssen es erstmal in die Schulbücher schaffen, so dass alle auch die Wissensgrundlagen über die weibliche Libido, ihr Begehren und ihre Befriedigung haben."

Der Lust zu Leibe rücken

Stellt der Libidomangel für Frauen ein Problem dar, sollten sie zunächst die Ursachen für die eigenen Beschwerden herausfinden, meint Groth: "Der Zwang zur Lust müßte thematisiert werden, denn manche Frauen praktizieren wenig bis keine sexuelle Aktivität und finden das für sich selbst in Ordnung." Es gäbe eine große Bandbreite dessen, was Frauen als eine "normale" sexuelle Frequenz wünschen, betont die Expertin: "Da sind wir ganz unterschiedlich." (bto/dieStandard.at, 17.11.2008)

  • Die Libido und die Sexualität von Frauen hat physiologische Grundlagen,
wie u.a. den Testosteronspiegel, wird aber auch von
Medikamenteneinahmen (z.B. Antidepressiva), dem Vorhandensein einer/s
Partner/in, der Qualität der partnerschaftlichen Beziehungen,
biographischen Erfahrungen einer Frau, Erfahrungen mit Gewalt, wie auch
Belastungen durch Familie, Kinder, Armut, oder Beruf bestimmt, erklärt FGZ-Leiterin Sylvia Groth.
Dass ein Pflaster hier einfache Abhilfe schaffen kann, muss in einer strengen Kosten-Nutzen-Aufstellung abgewogen werden. Denn die Risken klebt frau sich mit auf die Haut.
    foto: standard
    Foto: Standard

    Die Libido und die Sexualität von Frauen hat physiologische Grundlagen, wie u.a. den Testosteronspiegel, wird aber auch von Medikamenteneinahmen (z.B. Antidepressiva), dem Vorhandensein einer/s Partner/in, der Qualität der partnerschaftlichen Beziehungen, biographischen Erfahrungen einer Frau, Erfahrungen mit Gewalt, wie auch Belastungen durch Familie, Kinder, Armut, oder Beruf bestimmt, erklärt FGZ-Leiterin Sylvia Groth. Dass ein Pflaster hier einfache Abhilfe schaffen kann, muss in einer strengen Kosten-Nutzen-Aufstellung abgewogen werden. Denn die Risken klebt frau sich mit auf die Haut.

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