Plagiatjäger Weber: "Augenauswischerei"

12. November 2008, 11:13
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Schon durch geringfügige Änderungen können Programme überlistet werden - Unis brauchen wieder "Kultur der Ehrlichkeit"

Wien - Solange nicht alle Universitäten im deutschsprachigen Raum einheitliche Plagiatsoftware einsetzen, sei deren Einsatz nicht mehr als "Augenauswischerei", meint der als "Plagiatjäger" bekanntgewordene Medienwissenschafter Stefan Weber. Derzeit könnten Unis nur Abschreiben aus bereits überprüften Arbeiten ihres jeweiligen Standorts aufdecken. Auch Textdiebstahl aus dem Internet sei nur bedingt nachweisbar. "Wenn man nur jedes vierte Wort durch ein Synonym ersetzt, kann man die Software austricksen", so Weber im Gespräch mit der APA.

"Nur weil die Software sagt, es ist kein Plagiat, heißt das nicht, dass es wirklich keines ist", warnt Weber vor überzogenen Erwartungen der Lehrenden. Mit Plagiatsoftware kann überprüft werden, ob bestimmte Sätze oder Absätze bereits wortident im Internet, etwa im Online-Lexikon Wikipedia oder in Referat- und Hausarbeitstauschbörsen, oder in einer anderen, schon elektronisch überprüften wissenschaftlichen Arbeit vorkommen. Der Haken laut Weber: Es kann nur auf jene wissenschaftlichen Arbeiten zugegriffen werden, die durch dieselbe Software überprüft wurden. Derzeit setzen aber etwa die drei größten Universitäten Wien, Graz und Innsbruck jeweils verschiedene Lösungen ein. "Ich kann also von Diplomarbeiten anderer Unis abschreiben, ohne dass die Software es erkennt", erklärt Weber.

Gefahrloses Abschreiben

Aus Fachliteratur in Buchform, die laut Weber nur in den wenigsten Fällen digital als Volltext vorliegt, könne ebenfalls gefahrlos abgeschrieben werden. Ein weiterer großer Bereich sei noch nicht einmal ansatzweise erfasst, erzählt er: "Übersetzungsplagiate, bei denen ganze Arbeiten aus einer anderen Sprache ins Deutsche übertragen werden, bleiben unentdeckt." Auch was das Abkupfern aus dem Internet angeht, sieht der Medienwissenschafter nur abschreckende Wirkung. "Die Leute sind jetzt sensibilisiert, dass reines Copy-Paste aus dem Internet nicht mehr funktioniert." Doch bereits geringfügige Änderungen im Text würden genügen, um Plagiatsoftware auszutricksen.

"Mit Plagiatsoftware können ein paar Leute ein gutes Geschäft machen, mehr nicht", resümiert Weber. Wer sich vor der wissenschaftlichen Arbeit drücken wolle, finde leicht Wege, um die Software auszutricksen. "Die Unis brauchen wieder eine Kultur der Ehrlichkeit. Die Diplomarbeit ist für viele zu einer lieblosen Fingerübung verkommen, und diese Einstellung kann nur face to face durch die Betreuer verändert werden." (APA)

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