Weltbevölkerungsbericht: Müttersterblichkeit und Genitalverstümmelung akut

12. November 2008, 11:08
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Weltbevölkerungsbericht: Drei Fünftel der ärmsten Milliarde weltweit sind Frauen und Mädchen - Gesundheitsschädliche Praktiken laut UNFPA nicht zu akzeptieren

Wien - Kulturelle Tradition und Glauben sind oft stärker als Gesetze und für die Verwirklichung der Menschenrechte, insbesondere die Rechte von Frauen, entscheidend. "Wir sind damit in unserer Arbeit konfrontiert, vor allem im Bereich der weiblichen Geschlechtsverstümmelung und der Kinderheirat", so Brendan O'Brian von der UNFPA (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen) bei der Präsentation des aktuellen Weltbevölkerungsberichts am Mittwoch in Wien. Um Veränderungen zu ermöglichen, müsse man "kulturell sensitiv" handeln.

Die Ungleichheit der Geschlechter ist in vielen Kulturen noch immer weit verbreitet: Drei Fünftel der ärmsten Milliarde der Weltbevölkerung sind Frauen und Mädchen. Zwei Drittel von 960 Millionen erwachsenen AnalphabetInnen weltweit sind Frauen, 70 Prozent von 130 Millionen Kindern, die keine Schule besuchen, sind Mädchen.

Veränderung von innen

"Kulturelle Sensitivität bedeutet nicht, gesundheitsschädliche Praktiken zu akzeptieren", so O'Brian. Es könne die effektivste Art sein, solche überhaupt infrage zu stellen. Veränderungen könnten nicht von außen aufgedrängt werden, diese müssten "von innen" kommen, z. B. in Zusammenarbeit mit lokalen MeinungsbildnerInnen. So spielen in Kambodscha buddhistische Nonnen und Mönche und in Simbabwe lokale Stammesführer eine wichtige Rolle im Kampf gegen Aids.

Müttersterblichkeit und gesundheitsschädigende Praktiken

Kultursensible Ansätze sind auch entscheidend, um das Ziel zu erreichen, die Müttersterblichkeitsrate weltweit um 75 Prozent zu senken. Seit den 1980er Jahren stagniert die Zahl bei etwa 536.000 pro Jahr. Die Zahl der Frauen, die Verletzungen und Folgeschäden davontragen, liegt bei zehn bis fünfzehn Millionen jährlich. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit rund zwei Millionen Frauen mit Scheidenfisteln, jährlich kommen 50.000 bis 100.000 neue Fälle hinzu. Scheidenfisteln treten bei Mädchen auf, deren Körper noch nicht voll ausgereift und deren Becken zu schmal für eine Geburt ist.

Ärmere Frauen sind laut dem Bericht von gesundheitsschädigenden Traditionen besonders stark betroffen, z. B. lebten 2006 in Guinea-Bissau 44,5 Prozent der Frauen von 15 bis 49 Jahren mit einer Genitalverstümmelung.

Die ärmeren Schichten sind auch während Schwangerschaft und Geburt einem höheren Risiko ausgesetzt. Weil sich die Bedingungen für arme Menschen wenig verändert haben, legen sie im Gegensatz zur wohlhabenderen aber immer noch Wert auf große Familien: Weltweit bekommen Frauen durchschnittlich 2,6 Kinder - in den Industrieländern liegt die Zahl bei 1,6 und in Entwicklungsländern bei 2,8 pro Frau.

Mehr GeburtshelferInnen nötig

Wichtig sei eine "sichere Mutterschaft": Dazu sind ein besserer Zugang zu Familienplanung, medizinische Betreuung während der Geburt, rechtzeitige Notfallhilfe und fachkundige Betreuung nach der Geburt nötig. In ärmeren Ländern, in denen der Anteil an betreuten Geburten niedrig ist, ist die Müttersterblichkeit hoch. In Afrika stehen nur 46,5 Prozent der Frauen ein ausgebildeter GeburtshelferInnen zur Verfügung, in Asien sind es 65,4 und in der Karibik 88,5 Prozent. "Herausforderung" sei, GeburtshelferInnen auszubilden, die kulturell mit den von ihnen betreuten Frauen verbunden sind. (APA)

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    Foto: APA/EPA/ULISES RODRIGUEZ

    Veränderungen - Verbesserungen - der Lebenssituationen der Armen, speziell der Frauen weltweit, darf nicht bedeuten, die Integrität einer Kultur zu stören - aber auch nicht, gesundheitsschädliche Praktiken wie FGM zu akzeptieren.

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